Der europäische Einigungsprozess schreitet voran. Dies ist, was wir gewöhnlich in unseren Medien lesen und sehen. Nur äußerst selten finden wir Bedenken gegen das Projekt „EU“ thematisiert. Die wenigsten Bürger in Deutschland haben daher auch bis heute realisiert, dass ihnen ihr Staat „Bundesrepublik“ um ein Haar völlig abhanden gekommen wäre – hätte nicht in diesem Jahr das Bundesverfassungsgericht dem politischen Treiben ein robustes Ende gesetzt. Deutschland, sagten die Richter, muss ein eigener Staat bleiben. Jedenfalls so lange, wie das Volk nicht selbst seine Auflösung in EU-Institutionen demokratisch beschließe.

Während Zweifler und Mahner am Super-Projekt „EU“ marginalisiert oder – wie der tschechische Präsident Vaclav Klaus – zu Sektierern abgestempelt werden, entwickelt sich zunehmend ein völlig anderes Projekt in Europa. Mag auch der Schlußstein „Lissabon-Vertrag“ mit aller organisatorischen Macht und gegen alle geschehenen Volksabstimmungen in Kraft gesetzt werden: In den Regionen Europas erwächst ein bemerkenswertes örtliches Selbstbewußtsein – wiederum nur schwach thematisiert in unseren Medien. Belgien beispielsweise zerfällt zunehmend unter dem Streit der Flamen mit den Wallonen. Experten schließen nicht aus, dass der Süden Belgiens dereinst mit Frankreich verschmilzt. Und nicht nur Basken oder Nordiren führen einen, bedauerlicherweise gewalttätigen, Streit um ihre Identität. Auch andere Menschen in Europa sehen sich in anderen Bindungskontexten als in denen ihres derzeitigen Staates – oder gar der EU. Nun wurde bekannt, dass Mohammed Fayed, der Eigentümer des Londoner Kaufhauses „Harrods“, den Schotten empfiehlt, sich von den Engländern loszusagen. Er, heißt es, stehe dann als erster schottischer Präsident zur Verfügung.

Werden wir also erleben, dass das „Vereinigte Königreich“ bald ebenso zerbricht wie weiland die Tschechei und Slowakien? Welchen Einfluß würde dies auf italienische Befindlichkeiten haben, wo Norditaliener ihre Mitbürger südlich Roms traditionell gerne als „Afrikaner“ bezeichnen? Ginge hiervon ein Funke aus, der die Katalanen schließlich von Spanien trennte? Droht eine Jugoslawisierung ganz Europas? So schwer dies derzeit vorstellbar erscheint, abwegig ist es nicht. Insbesondere deswegen, weil immer mehr Menschen sich in den anonymen Massen- und Riesen-Bürokratien nicht mehr angemessen vertreten oder gar verstanden fühlen. Politisch verfügte Solidaritäten zwischen Nordkap und Gibraltar, zwischen Biskaya und Bosporus oder Lissabon und Lettland sprengen die emotionalen Bindungsenergien der Menschen. Nächstenliebe braucht – ebenso wie jede praktische zwischenmenschliche Kooperation – einen gegenständlich greifbaren Partner. Gemeinsame kulturelle Traditionen erwachsen aus dem konkreten Zusammensein vor Ort, nicht aber nur aus abstrakten Darstellungen.

Offenbar finden sich die – in Wahlanalysen gerne unter dem Schlagwort der „längerfristigen Bindungen“ thematisierten – zwischenmenschlichen Kontinuitäten auch über Generationen hinweg weit in den Herzen und Seelen der Menschen verwurzelt. Politische Grenzziehungen machen dieses Phänomen nicht wirkungslos. Wir in Deutschland müssen im übrigen nicht mehr in das ferne Ausland blicken, um solche lokalen Bindungsphänomene zu sehen. Auch über das Beispiel Bayerns hinaus entsteht derzeit mehr und mehr ein lokales Selbstbewußtsein in deutschen Regionen. Aktuell gründet sich eine „Westfalenpartei“, die ihren formellen Gründungsakt nur noch aufgeschoben hat, um zuvor Erfahrungen der „Frankenpartei“ abzuwarten, die in Bamberg aktiv wird.

Vielleicht wird Europa in 50 Jahren nicht von einigen wenigen machtvollen Superbehörden regiert, die kaum noch demokratisch legitimiert sind, sondern wir sehen ein Europa, in dem sich eine Vielzahl von kleineren politischen Einheiten mit Menschenmaß zusammengefunden hat. Entscheidend wird sein, was stärker ist: Politische Durchsetzungskraft von bürokratischen Eliten oder das millionenfache Gefühl von Bürgern, die in ihrer Region ihr Leben einvernehmlich gestalten möchten.

Carlos A. Gebauer

Dieser Beitrag ist eine geringfügig abweichende Version eines Artikels, der am 29. Oktober 2009 zuerst auf familyfair.de veröffentlicht wurde.

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