Malte Tobias Kähler

Mit dem Namen Agora bezeichnete man im hellenischen Reich den Versammlungsort und Marktplatz einer Polis, auf dem sich das gesellschaftliche Leben abspielte. Denselben Namen gab der spanische Regisseur Alejandro Amenábar kürzlich seinem neuen Film, der auf der iberischen Halbinsel bereits anlief. Der Streifen erzählt die Geschichte der ebenso stolzen wie klugen Hypathia von Alexandrien, die in der berühmten Bibliothek der ägyptischen Metropole Astronomie und Philosophie unterrichtete. Jene Zeit war vom Ptolemäischen Weltbild dominiert, in dem sich die Erde im Mittelpunkt des Sonnensystems befindet. Dabei bewegen sich die Planeten und die Sonne in Kreisbahnen um die Erde, da man annahm, dass diese Form die perfekte und somit die einzige sei, die mit der göttlichen Schöpfung vereinbar ist.

Da die beobachteten Bewegungen der Planeten am Firmament den Vorhersagen des  geozentrischen Modelles jedoch widersprachen, verfeinerte man es und nahm schlicht an, dass jeder Planet auf seiner Bahn einen zweiten, kleineren Zirkel umlaufe, den man Epizyklus nennt. Die überlagerten Kreisbewegungen des Modelles deckten sich nun weitgehend mit der beobachteten Bewegung am Himmel, so konnte man die ursprüngliche Theorie beibehalten, um das Geschehen am Nachhimmel zu „erklären“. Im Verlauf der Handlung erkennt Hypathia jedoch den Irrtum dieses Weltbildes. Diese Nebenhandlung des Filmes illustriert sehr deutlich, wie ein Modell scheinbar korrekt die Realität abbildet und zugleich doch völlig falsch sein kann. Selbiges findet man mitunter auch in anderen Disziplinen, insbesondere in der Ökonomie.

Gemäß einer verbreiteten Theorie sind beispielsweise technische Innovationen für das Auf und Ab der Konjunktur verantwortlich. Dieses Argument wird heute zwar weniger in der professionellen Ökonomie vertreten, wo man im Allgemeinen mit keynesianischen und monetaristischen Theorien arbeitet, dennoch vernimmt man deren Elemente zumindest in der sogenannten Real-Business-Cycle-Theorie,  in privaten Konversationen und – auf eher implizite Weise – in der Politik, wie wir weiter unten sehen werden.

Als bekanntester Vertreter jener Argumentation gilt wohl Joseph Alois Schumpeter. Der Boom wird ihm zufolge durch technische Neuerungen hervorgerufen, deren Implementierung zunächst hohe Profite verspricht. Im Laufe der Zeit ziehen andere Unternehmer nach, bis der Wettbewerb unter ihnen die Renditemöglichkeiten erschöpft und die nun einsetzende Depression die Zahl der erfolgreichen Unternehmen reduziert („schöpferische Zerstörung“). Der auf diese Weise wiedererlangte Zustand des Gleichgewichts dauert solange an, bis neue technologische Entwicklungen die Grundlage für den nächsten Boom bereiten.

Gelegentlich wird die jüngere Wirtschaftsgeschichte als eine Folge solcher Innovationen interpretiert. So erklärt man auch die New-Economy Blase gegen Ende des letzten Jahrzehnts durch das Auftreten von Schlüsseltechnologien wie etwa der des Internets. Und schließlich brachte man auch die aktuelle Krise in Zusammenhang mit „Finanzinnovationen“.

Auf den ersten Blick scheint Schumpeters Ansatz auch sehr plausibel, liegt doch sein Charme für Anhänger der Freiheit sogar noch darin, dass er die explosive Kraft von Innovationen im kapitalistischen System betont und einen insgesamt recht positiven Blick auf die mitunter zerstörerische Dynamik von Krisen wirft. Denn frei nach dem Motto „auf jeden Regen folgt auch Sonnenschein“ vertraut man auf die nächste Innovation, die den Weg für einen erneuten Aufschwung bereiten wird. Dennoch handelt es sich hierbei wahrscheinlich um einen Irrtum derselben Art wie das geozentrische Weltbild einer war. Das Modell spiegelt oberflächlich die Wirklichkeit wieder und ist zugleich doch falsch. Außerdem: Falls Innovationen den Boom befeuern, warum sollte die Politik dann nicht ein wenig nachhelfen und die Ideenträger mit billigem Kredit versorgen…?

Schumpeter hatte beim Formulieren seiner Erklärung mit dem Problem zu kämpfen, dass er einerseits wirtschaftlichen Fortschritt erklären wollte, andererseits aber auf der Gleichgewichtstheorie von Leon Walras beharrte, den er für den größten Ökonomen seiner Zeit hielt. In dessen Modell gab es per definitionem keinen dynamischen Wandel. Um dennoch die wechselhafte Realität erklären zu können, griff Schumpeter auf den Faktor der Technologie und Innovation zurück. Da er aber zugleich von der Existenz eines Gleichgewichts in der Wirtschaft überzeugt war, musste der durch Innovationen erzeugte Wandel schubweise auftreten – denn bei einem steigenden Strom an Erfindungen und Innovationen käme die Wirtschaft nie zurück in das von ihm angenommene Gleichgewicht.

Diese Bedingung ist allerdings unbefriedigend, denn im echten Leben gehorchen der Erfindergeist und die unternehmerische Kreativität keinem Metronom – eine zwingende Zyklizität klingt daher keinesfalls plausibel. Also ergänzte Schumpeter seine Theorie später um weitere, durch unterschiedliche Innovationen befeuerte und sich überlappende Zyklen.

Ähnlich wie das Ptolemäische Weltbild seinerzeit, schien die Schumpetersche These die Realität nun endlich zufriedenstellend abzubilden.

Allerdings schloss der Namensgeber einer dieser Zyklen, Nikolai Dmitrijewitsch Kondratieff, technologische Innovation als Ursache der von ihm beobachteten „langen Welle“ aus. Er war der Ansicht, dass die Kausalität eine umgekehrte war: Nicht der technologische Wandel verursacht die Konjunkturbewegung, sondern der allgemeine Aufschwung, der es mehr und mehr Firmen ermöglicht, innovative Ideen auch durchzuführen. Demnach folgt der technologische Wandel dem generellen Auf und Ab – und nicht umgekehrt. Ohne die entsprechenden wirtschaftlichen Voraussetzungen können Erfindungen (bei Schumpeter: „Inventionen“) nämlich nicht wirtschaftlich umgesetzt und somit zur „Innovation“ werden.

Auch wenn Kondratieff als Marxist nicht im Verdacht steht, in seiner Argumentation an die Österreichische Konjunkturtheorie gedacht zu haben, gibt uns seine Reserviertheit gegenüber dem technischen Wandel als Ursache des Booms zumindest einen Hinweis auf eine alternative Erklärung der Wirtschaftskrisen. Betrachtet man einmal den typischen Zustand der Wirtschaft, dann existiert tatsächlich ständig eine ganze Reihe von Ideen für brauchbare Innovationen. Zudem sind die letzten Neuerungen noch nicht in allen Betrieben angekommen und umgesetzt worden. Der begrenzende Faktor für das Wachstum, so merkt Murray Rothbard daher kritisch an, ist nicht die jeweils verfügbare technische Neuerung, sondern vielmehr die Verfügbarkeit von Ersparnissen, d.h. Kapital. Eine Neuerung ist erst dann auf einem Markt völlig ausgeschöpft, wenn jedes Unternehmen damit ausgestattet ist, wofür allerdings zunächst genügend Ersparnisse in der Gesellschaft vorhanden sein müssen. Ein Beispiel dafür wäre die Technologie der Kernfusion, deren grundsätzliche Anwendbarkeit zwar erforscht ist, für die ein ökonomisch tragfähiges Konzept jedoch nach wie vor fehlt.

Wenn man die Ersparnisse erst einmal als den begrenzenden Faktor des Wachstums erkennt, wird die Brücke zur Österreichischen Konjunkturtheorie deutlich. Wie Mises und Hayek immer wieder betonten, führt ein von Fiatgeld angetriebener Boom unvermeidlich zu Fehlinvestionen. Schumpeter selbst befürwortete jedoch die Kreditschöpfung, um die Einführung der Neuerungen zu finanzieren. Natürlich stellt es an sich kein Problem dar, wenn Innovationen auf Kredite angewiesen sind. Problematisch wird dies aber immer dann, wenn diese Kredite nicht auf Ersparnissen, sondern auf künstlich vermehrtem „Scheingeld“ beruhen. Anstelle einer allmählichen und dadurch fruchtbaren Abfolge von Innovationen, provoziert man so die Förderung von tatsächlich unrentablen Projekten. Ein derart befeuerter Boom stellt eine Scheinblüte dar und ist dazu verdammt, früher oder später in einer Depression zu enden, in der die falschen Investitionen liquidiert werden.

Die Häufung innovativer Tätigkeiten während der Phase des Aufschwungs in Schumpeters Modell ist demnach keine Ursache des Zyklus, sondern sein Symptom. Hayek beschreibt den Prozess der Kreditinflation mit Worten, die uns aus den Zeiten der „Dotcom“- und der Hypothekenblase nur allzu bekannt vorkommen sollten: „Der wesentliche Effekt der Inflation, der sie zunächst für Unternehmen willkommen scheinen lässt, ist eben der, dass die Preise der Produkte im Allgemeinen höher liegen als zuvor angenommen. Das ist es, was die allgemeine Stimmung der Euphorie erzeugt, ein falsche Wahrnehmung von Wohlstand, in der scheinbar Jedermann Erfolg hat.“

Die hier angerissene Kritik an der Theorie der Innovation als Konjunkturtreiber ist durchaus von aktueller Brisanz. Denn sofern es korrekt ist, dass die Zyklen nicht durch Innovation als solche sondern durch ungedeckte Kreditexpansion verursacht werden, dann genügt es in einer Rezession eben nicht, einfach neue „Schlüsseltechnologien“ zu suchen und diese politisch zu fördern. Doch genau das scheinen manche im Auge zu haben, wenn sie mit dem jüngst in Mode gekommenen Begriff „Green New Deal“ hantieren. Längst schmücken sich nicht mehr nur hartgesottene Environmentalisten mit diesem politischen Programm. Auch US-Präsident Obama und sogar die Webseite der Vereinten Nationen sprechen nun von der Unterstützung derartiger Innovationen. Bei solchen Heilsversprechen ist vor allem dann Vorsicht geboten, wenn die Förderung durch eine expansive Geldpolitik flankiert werden soll und somit nicht mehr der Entscheidung der Konsumenten unterliegt.

Schließlich kann man noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen der hier dargestellten Kritik und Hypathias Zweifel am Weltbild des Ptolemäus entdecken: Beide waren nicht besonders gesellschaftstauglich, stellten ihre zweifelnden Kommentare doch verbreitete Ansichten in Frage. Die weise Astronomin erleidet gegen Ende des Films ein schreckliches Schicksal, als sie sich weigert, ihre Entdeckung über die Unzulänglichkeit des geozentrischen Modelles zu widerrufen. Glücklicherweise haben sich die Zeiten seitdem geändert und Auseinandersetzungen um die korrekte Theorie werden heute gewaltlos ausgetragen. Dennoch wird der österreichische Versuch, die Krisen zu erklären, noch immer weitgehend marginalisiert – das gilt sowohl für die universitäre Lehre als auch für die öffentliche Debatte. Wenn dieser Streit einmal (wieder) offen geführt werden sollte, so mag man sich an die Mahnung der eingangs vorgestellten Hypathia erinnern, die da fragte: „Sollte nicht die Vernunft allein Richterin sein?“