Ein Interview mit Ludwig von Mises


Robert Nef: Wir stehen heute in Europa, aber auch weltweit, vor dem Problem der Arbeitslosigkeit. Welchen Stellenwert hat dieses Problem für einen liberalen Nationalökonomen? Gehört es gewissermaßen zur normalen Begleiterscheinung der Marktwirtschaft, oder haben wir es mit einer ernsthaften Störung zu tun?

Bild MisesLudwig von Mises: Die Dauer- und Massenarbeitslosigkeit ist zum Schicksalsproblem der modernen Kultur geworden. Sie zerbricht das Werk, das der Liberalismus aufgerichtet hat.

Dass Millionen dauernd aus dem Erzeugungsprozess ausgeschaltet bleiben sollen, ist ein Zustand, der nicht lange ertragen werden kann. Der einzelne Arbeitslose will arbeiten. Er will erwerben, weil er die Vorteile, die der Lohn ihm bringt, höher schätzt als den für den Mittellosen recht problematischen Wert dauernder Muße. Dass er keine Arbeit finden kann, treibt ihn zur Verzweiflung. Aus den Arbeitslosen formen die Abenteurer, die die Diktatur anstreben, ihre Sturmtruppen. [i]


Was sind denn aus Ihrer Sicht die Gründe für die Arbeitslosigkeit?

Wenn ein Arbeitsuchender für die Art von Arbeit, die er vorzieht, keinen Abnehmer findet, muss er sich um Arbeit anderer Art umsehen. Wenn ein Arbeitsuchender nicht den Lohn erhalten kann, den er gerne haben wollte, dann muss er seine Ansprüche herabsetzen. Will er das nicht, so findet er keine Arbeit; er wird arbeitslos.

Die Arbeitslosigkeit ist die Folge des Umstandes, dass der Arbeiter – entgegen der Auffassung der früher erwähnten Lehre vom Nichtwartenkönnen der Arbeiter – warten kann und warten will. Ein Arbeiter, der nicht warten kann und nicht warten will, findet in der unbehinderten Marktwirtschaft, in der es extramarginalen brachliegenden Boden und oft auch unausgenützte Produktionskapazität produzierter Produktionsmittel gibt, immer Arbeit; es genügt, dass er seine Lohnforderung ermäßigt oder Beruf und Arbeitsort wechselt.“[ii]


Immer wieder hört man die Voraussage oder die Befürchtung, der Arbeitsgesellschaft gehe die Arbeit aus. Dies ist ein verhängnisvoller Irrtum. Im unendlich komplexen Netz der Arbeitsteilung kann vor allem im Hinblick auf Dienstleistungen und im Bereich des Konsums, der die Grundbedürfnisse übersteigt, ohne Übertreibung gesagt werden, dass es unendlich viel Arbeit gibt. Der Engpass liegt nicht bei der vorhandenen Menge von Arbeitsmöglichkeiten. Die Bereitschaft, für eine bestimmte Arbeit einen bestimmten Lohn zu bezahlen, ist aber immer begrenzt.  Kann die Senkung des Lohnanspruches die Bereitschaft, eine Arbeit zu vergeben, erhöhen und somit Arbeitsplätze schaffen?

Ein Unternehmer kann einem Arbeiter nicht mehr zahlen als dieser mit seiner Arbeit dem Wert des Produkts hinzufügt. Er kann ihm nicht mehr zahlen als das, was der Kunde bereit ist, ihm für die zusätzliche Arbeit dieses einzelnen Arbeiters zu zahlen. Wenn er ihm mehr zahlt, dann bekommt er seine Kosten vom Kunden nicht ersetzt. Er macht Verluste, und wie ich schon mehrfach betont habe – und wie jedermann weiss -, ein Unternehmer, der Verluste erleidet, muss sich umstellen oder er macht bankrott.[iii]


Gibt es Besonderheiten des „Gutes Arbeit“, das auf dem Arbeitsmarkt gegen Lohn getauscht wird?

Von ‚Arbeit’ ganz allgemein ohne näheren Zusatz zu sprechen, ist nur unter gewissen Einschränkungen zulässig. Es gibt keine einheitliche Arbeit. Arbeit ist sehr verschiedener Qualität, und jede Art von Arbeit ist von anderer Wirkung und wird daher als ein Produktionsmittel besonderer Art angesehen.[iv] Die Qualitätsarbeit – und jede Arbeit, auch die des ‚ungelernten’ Arbeiters, ist Qualitätsarbeit ‚abstrakte’ Arbeit ist eine unsinnige Vorstellung – muss er durch Überbieten der Löhne, die die übrigen Unternehmer zu zahlen bereit sind, an sich zu ziehen suchen.[v]


In politischen Diskussionen wird häufig behauptet, dass der Arbeitnehmer
(als Anbieter seiner Arbeitskraft) dem Arbeitgeber (als Unternehmer und Nachfrager) auf einem ungeregelten Arbeitsmarkt auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sei und dass es daher – besonders in einer Rezession – eine sozial motivierte Arbeitsmarktpolitik zugunsten der Arbeitnehmer als der „schwächeren Seite“ brauche, um möglichen Missbräuchen entgegenzutreten.

Die Unternehmer stehen den Verkäufern der Arbeitskraft nicht anders auf dem Markt gegenüber als den Verkäufern der sachlichen Produktionsmittel. Sie wollen – und müssen – die Produktionsmittel so billig als möglich erwerben.

Jeder Unternehmer bietet für jede Arbeitsmenge, die er verwenden will, gerade soviel, als er bieten muss, um auf dem Arbeitsmarkte zum Zuge zu kommen. Er kann nicht weniger bieten, weil er dann vom Wettbewerb anderer Unternehmer geschlagen wird und keine Arbeiter findet. Er kann nicht mehr bieten, weil er dann das Produkt teurer erzeugen würde als seine Konkurrenten und es nur zu Verlustpreisen absetzen könnte. Die Marktpreise der Genussgüter legen die Löhne vollkommen fest. Die Löhne sind durch das Angebot an Arbeit und an sachlichen Produktionsmitteln und durch die Marktpreise der Genussgüter eindeutig bestimmt.[vi]


In Zeiten des Überangebots an Arbeit müssen also die Arbeitnehmer, um wieder Arbeit zu finden, ihre Lohnansprüche senken. Dieser Zusammenhang ist ebenso klar wie seine Formulierung unpopulär ist.

Der Unternehmer hat wohl ein Interesse daran, die Arbeit so niedrig als möglich zu entlohnen: ein Unternehmer, der seinen Arbeitern mehr zahlen wollte, als dem Marktwerte ihrer Leistungen entspricht, würde bald aus der Unternehmerstellung hinausgedrängt werden.

Doch das bedeutet nicht, dass es dem Unternehmer möglich wäre, den Arbeiter schlechter zu entlohnen als nach dem Marktwerte seiner Leistungen. Er muss die Arbeit jener Qualität suchen, die in den Rahmen seines Produktionsprozesses am besten hineinpasse; Verwendung von Arbeit schlechterer Qualität bedeutet für ihn weniger zweckmäßige Ausnützung der Anlagen, Werkzeuge, Rohstoffe und der Halbfabrikate; sie bringt, auch wenn sie billiger ist, Verluste.[vii]


Führt also auch ein Überangebot an Arbeit nicht zur „monopolistischen Ausbeutung“ durch die Arbeitgeber?

Für jene Auffassung von der monopolistischen Ausbeutung der Arbeiter durch die stillschweigende Verabredung der Unternehmer ist alle ‚Arbeit’ gleichartig; es gibt Angebot von ‚Arbeit’ und Nachfrage nach ‚Arbeit’, d.h. nach Arbeit schlechthin ohne Beachtung der verschiedenen Qualität der Arbeit. In Wahrheit gibt es aber etwas derartiges nicht. Angeboten wird immer Arbeit bestimmter Art, und ebenso richtet sich die Nachfrage nie auf ‚Arbeit’ schlechthin, sondern stets auf Arbeit bestimmter Art (… ).

Die Unternehmer stehen nicht nur im Allgemeinen einer Knappheit an Arbeit gegenüber, sondern im Besonderen einer Knappheit an Arbeit der von ihnen benötigten Qualität. Der Wettbewerb der Unternehmer um den gelernten Arbeiter, den Qualitätsarbeiter, den sie für ihre besonderen Ziele brauchen können, ist nicht minder heftig als ihr Wettbewerb um die geeigneten Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen und Werkzeuge und als ihr Wettbewerb auf dem Kapital- und Geldmarkte. Die Ausdehnungsmöglichkeit der einzelnen Unternehmungen ist wie die der gesamten Produktion durch die Knappheit der Arbeit geradeso begrenzt wie durch die von ihr bewirkte Knappheit der produzierten Produktionsmittel.[viii]


Das Lohnniveau wird demgemäß weder von den Arbeitgebern noch von den Arbeitnehmern einseitig festgelegt?

Die Ausdrücke Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind aus Anschauungen entstanden, die uns schon lange fremd geworden sind. Sie stellen den Sachverhalt schief dar. Der Unternehmer empfängt die Arbeitsleistung des Arbeiters und zahlt dafür einen Preis, den Lohn; der Arbeiter verkauft dem Unternehmer die Leistung und wird für ihre Hingabe entlohnt.

Die Arbeit ist Produktionsmittel, und der Arbeiter ist als Verkäufer dieses Produktionsmittels von der Gestaltung der Marktlage abhängig.[ix]

Nicht die Ansprüche, die der Arbeiter erhebt, sondern die Bewertung seiner Leistung durch die Gesellschaft entscheidet über die Höhe der Löhne; sie allein kommt in den Lohnsätzen, die der Markt bildet, zum Ausdruck. In diesem Sinne ist die Arbeit eine Ware wie jede andere. Doch das ist nicht etwa eine Folge der Hartherzigkeit und Habsucht der Unternehmer, sondern eine Folge des Umstandes, dass die Verbraucher nur gewillt sind, Leistungen zu bezahlen, und nicht Ansprüche auf standesgemäßen, dem Herkommen und der übertriebenen Einschätzung der eigenen Person entsprechenden Lohn zu befriedigen.[x]


Sie nennen die Arbeit eine Ware wie jede andere. Ihrem Wesen nach ist Arbeit jedoch auch eine persönliche Dienstleistung zwischen den Menschen und bildet einen Bestandteil ihrer Würde und Freiheit. Ist eine solche Auffassung mit Ihrer Vorstellung von Arbeit vereinbar?

Gerade darin, dass der Unternehmer unter dem Drucke des Marktes die Arbeit als Ware behandelt und im Arbeiter nichts sieht als den Menschen, der ihm für Geld hilft, Geld zu verdienen, liegt die Freiheit des Arbeiters. Seine Leistung wird entlohnt, und er leistet, um Lohn zu empfangen. Gnade und Ungnade des Herrn haben für ihn keine Bedeutung. Er schuldet dem Arbeitgeber keinen Dank, er schuldet ihm eine Leistung.

Darum bedarf der Unternehmer in der Marktwirtschaft keiner Strafgewalt über den Arbeiter. Alle nichtmarktwirtschaftlichen Arbeitssysteme müssen dem, der Arbeiter verwendet, die Möglichkeit bieten, den säumigen Arbeiter zu höherem Fleisse anzutreiben. Da Gefängnis den Arbeiter entweder ganz der Arbeit entzieht oder seine Leistung sehr stark herabsetzt, war das klassische Mittel, um unfreie oder halbfreie Arbeiter zur Arbeit anzuhalten, stets die körperliche Züchtigung. Mit dem Verdrängen der unfreien Arbeit ist die Peitsche als Antrieb zur Arbeit entbehrlich geworden. Das Prügeln war das Symbol der unfreien Arbeit gewesen. Das marktwirtschaftliche Denken empfindet es als dermaßen unmenschlich und entwürdigend, dass es die Züchtigung auch in der Erziehung, im Strafensystem der Gerichte und in der militärischen Disziplin beseitigt hat.

Wer des Glaubens ist, dass es in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung möglich wäre, ohne Zwangsmassnahmen gegen unfleissige Arbeiter auszukommen, weil doch jeder seinen Pflichten freiwillig nachkommen werde, gibt sich den Täuschungen hin, auf denen die anarchistischen Lehren beruhen. Auch ein sozialistisches Gemeinwesen wird nicht vermeiden können, Zwangsmittel gegen nachlässige und faule Arbeiter anzuwenden.[xi]

In der Endphase des real existierenden Sozialismus hat man allerdings auf eine solche Disziplinierung immer mehr verzichtet, um die Akzeptanz des Systems nicht noch mehr zu verschlechtern. Dadurch sank die Produktivität bis unter den Nullpunkt.  Das Gesamtsystem musste sich verschulden und ging schließlich bankrott. Unter härteren Wettbewerbsbedingungen wird es aber stets eine gewisse Nostalgie geben nach den Jahren, in denen sich die Systeme mit niedrigerem Leistungsdruck „auf Pump“ beim Kapitalismus künstlich am Leben hielten …


Ist es dem Arbeitnehmer zuzumuten, dass sein Lohn je nach Konjunkturlage nach oben und nach unten schwankt?

Die Arbeitslosigkeit ist auf dem unbehinderten Markte immer freiwillig gewollt.  Der Arbeitslose sieht in ihr das kleinere von zwei Übeln, zwischen denen er zu wählen hat. Die Marktlage mag den Lohn herabdrücken, doch es gibt auf dem unbehinderten Markte stets einen Lohnsatz, zu dem alle Arbeitswilligen Arbeit finden können. Die endlichen Löhne sind jene Lohnsätze, bei denen alle Arbeiter Beschäftigung und alle Unternehmer so viele Arbeiter, als sie beschäftigen wollen, finden.[xii]


Sinkende Löhne sind also nichts anderes als die „Kehrseite“ eines Systems, in welchem die Löhne bei guter Wirtschaftslage steigen. Der „unbehinderte Markt“ entspricht aber nicht den heutigen Realitäten. Der Arbeitsmarkt wird durch gesetzliche Vorschriften und durch kollektive Vereinbarungen beeinflusst. Gelten in diesem Fall die von Ihnen dargestellten Zusammenhänge auch?

Von der marktmäßigen Arbeitslosigkeit ist die irreguläre Arbeitslosigkeit grundsätzlich verschieden. Sie entspringt nicht dem Entschluss des einzelnen Arbeiters. Sie ist die Folge einer Politik, die höhere Löhne als die, die der Markt bildet, durch Eingriff in das Getriebe des Marktes festzulegen sucht.[xiii]


Als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit wird immer wieder die bessere Verteilung der vorhandenen Arbeit auf die Arbeitswilligen empfohlen, indem die Wochenarbeitszeit und die Lebensarbeitszeit verkürzt werden.

Da die Wochenlöhne dabei entweder überhaupt nicht oder nicht in entsprechendem Masse gesenkt oder selbst erhöht werden sollen, bedeutet das in der Regel weitere Lohnerhöhung und damit Mehrung der Arbeitslosigkeit.[xiv]


Und wie steht es mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen?

Man empfiehlt öffentliche Arbeiten als Weg zur Arbeitsbeschaffung. Wenn jedoch die dafür benötigten Geldmittel durch Anleihen oder durch Steuern beschafft werden, dann wird an der Lage nichts geändert. Die für die Notstandsarbeiten verwendeten Beträge werden anderer Produktion entzogen, dem Zuwachs an Arbeitsgelegenheit entspricht eine Abnahme der Arbeitsgelegenheit in anderen Zweigen des Wirtschaftsgefüges.[xv]


Die Arbeitslosigkeit wird heute oft als notwendige Begleiterscheinung der Marktwirtschaft angesehen und als unvermeidliche Folge der Widersprüche, in die sich eine kapitalistische Wirtschaft verstrickt. Ist es nicht so, dass der technische Fortschritt eben menschliche Arbeit durch Automatisierung ersetzt und damit Arbeitsplätze überflüssig macht?

Die Laien haben immer geglaubt, dass die Fortschritte der Technik Leute ums Brot bringen. Darum haben die alten Zünfte und Innungen jeden Neuerer zu Tode gehetzt, darum haben die Maschinenstürmer Maschinen zerstört. Heute können die Gegner des technischen Fortschritts sich auf die Wohlmeinung von Männern berufen, die man als berufene Vertreter der Wissenschaft ansieht. Denn in Büchern und Artikeln ohne Zahl wird gesagt, dass die technologische Arbeitslosigkeit, im kapitalistischen System zumindest, unvermeidbar sei.

Dass die Ursachen der Dauer- und Massenarbeitslosigkeit in der Lohnpolitik der Gewerkschaften und in der Unterstützung, die diese Lohnpolitik durch die Regierungen findet, zu suchen sind, bleibt der öffentlichen Meinung unbekannt. Die Stimme der Nationalökonomen dringt nicht ins Publikum.[xvi]


Worin bestehen denn die Irrtümer der gewerkschaftlichen Lohntheorie und der gewerkschaftlichen Lohnpolitik, die offensichtlich so populär sind, dass sich die Erkenntnisse liberaler Ökonomen dagegen kaum durchsetzen?

Man hat gemeint, dass die Arbeiter ihre Arbeit um jeden Preis verkaufen müssen, da der Lohn in der Regel ihr einziges Einkommen bildet und sie daher ohne Lohn verhungern müssten. Der Arbeiter sei daher gezwungen, jedes Angebot, das ihm gemacht wird, anzunehmen, wenn er kein günstigeres findet. Wenn die Unternehmer einheitlich vorgehen, können sie daher den Lohn beliebig herabdrücken. Dabei wird als selbstverständlich angesehen, dass die Unternehmer den Unterschied zwischen dem Lohn, der sich auf dem nichtmonopolisierten Arbeitsmarkt gebildet hätte, und dem durch ihre Monopolaktion herabgedrückten Lohn als Sondergewinn einstecken und ihn nicht etwa den Verbrauchern durch Preisnachlass zukommen lassen.

Die Bedingung, die den Unternehmern allein die Möglichkeit verschaffen könnte, auf dem Arbeitsmarkte jenen Lohndruck auszuüben, den Smith und mit ihm ein großer Teil der öffentlichen Meinung im Auge haben, wäre die, dass sie über ein sachliches Produktionsmittel, das für jede Produktion unentbehrlich ist, monopolistisch verfügen und dafür Monopolpreise erzielen können. Da es ein für jede Produktion unentbehrliches sachliches Produktionsmittel nicht gibt, müssten sie in dieser Art über alle sachlichen Produktionsmittel verfügen. Diese Bedingung wäre nur in der sozialistischen Wirtschaftsordnung erfüllt, in der es weder Markt noch Marktpreise gibt.[xvii]


Warum ist das gewerkschaftliche Gedankengut trotz seiner offensichtlichen Schwachstellen und Inkonsequenzen immer noch so populär, und zwar weit über den engen Kreis der Gewerkschafter und Sozialdemokraten hinaus?

Die Propaganda der sozialistischen und gewerkschaftlichen Parteien ( … ) suchte den Arbeiter darüber zu belehren, dass er sich auf dem Wege fortschreitender und unaufhaltsamer Verelendung befinde. Er werde durch Unternehmer und Kapitalisten um den größeren Teil des Ertrages seiner Arbeit gebracht, er werde ausgebeutet, unterdrückt und beraubt, er gehe zugrunde, während er andere reich macht. Das herrschende Wirtschaftssystem sei nichts als ein großes Unrecht am Arbeiter. Dieses verwünschte System müsse vernichtet werden und einem andern Platz machen, in dem der Arbeiter alles Glück des Paradieses genießen werde.[xviii]


Die Verelendungstheorie ist heute nicht mehr glaubwürdig. Die Vorstellung eines „gerechten Ausgleichs“ zwischen Armen und Reichen durch Umverteilung mit staatlichen Interventionen ist aber nach wie vor populär. Mit dem Hinweis auf Lohnunterschiede wird der Neid geschürt und davon abgelenkt, dass letztlich die Knappheitsverhältnisse auf dem Markt die Lohnhöhe bestimmt und nicht die Willkür der Unternehmer.

Wenn es nicht gelingt, die Macht, die die gewerkschaftliche Lohntheorie heute genießt, zu brechen und durch die Wiederherstellung der Freiheit der Lohnbildung die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, dann werden auch die westeuropäischen Industriestaaten und die Vereinigten Staaten von Amerika bald die politische und wirtschaftspolitische Verfassung radikal ändern. Wenn man den lohnpolitischen Interventionismus nicht aufgibt, muss man das Experiment des totalen Staates auf sich nehmen. Wenn man die Marktwirtschaft nicht von den Hemmungen des Interventionismus befreien will, muss man zum Sozialismus gelangen. Ob man sich dabei mehr an das deutsche oder mehr an das russische Vorbild halten will, macht keinen Unterschied. Der Sozialismus ist in keiner Gestalt lebens- und wirkungsfähig.[xix]


Was halten Sie von garantierten Mindestlöhnen? Gibt es denn überhaupt objektive Maßstäbe dafür?

Die Vorstellung, dass der Lohn mindestens so hoch sein müsse, dass er dem Arbeiter das ‚standesgemäße’ Auskommen sichere, erfüllt zweifellos die Arbeitnehmer. Jeder einzelne Arbeitnehmer hat dabei seine besondere Auffassung darüber, wozu ‚Stand’ und ‚Herkommen’ ihn berechtigen, wie er anderseits auch seine besondere Auffassung über seine Leistungsfähigkeit und seine Leistungen hat. Doch diese Ansprüche und Selbsteinschätzungen sind für die Lohngestaltung ohne Bedeutung. Sie begrenzen den Lohn weder nach oben noch nach unten. Der Arbeitnehmer muss sich bald mit viel weniger begnügen, als er für angemessen hält; bietet man ihm mehr als er erwarten konnte, dann nimmt er es ohne Bedenken.[xx]


Es können nicht alle Leute einer Arbeit nachgehen. Gilt für diese einfach der zynische Satz „Wer nicht arbeitet, der braucht auch nicht zu essen“?

Es gibt auch Arbeitsunfähige. Es gibt solche, die überhaupt zu keiner Arbeitsleistung fähig sind, und solche, die zwar arbeiten können, deren Leistung jedoch so gering bewertet wird, dass sie nicht imstande wären, von dem Ertrag ihrer Arbeit das Leben zu fristen. Diese Personen können ihr Auskommen nur finden, wenn die Erwerbenden sich ihrer annehmen. Für die mittellosen Erwerbsunfähigen sorgen die Familienangehörigen, die Menschlichkeit und Mildherzigkeit von Wohltätern oder die öffentliche Armenpflege. Sie nehmen am gesellschaftlichen Produktionsprozess keinen Anteil; soweit die Beschaffung der für den Verbrauch benötigten Mittel in Betracht kommt, handeln sie nicht; sie leben, weil andere für sie sorgen.[xxi]


Sie befürworten also sozialpolitische Maßnahmen? Wo liegen denn für Sie die Grenzen der Sozialpolitik?

Man hat in der Armenpolitik mitunter Methoden befolgt, die Arbeitsunwilligkeit und Müßiggang von Arbeitsfähigen gefördert haben.[xxii]

Die sozialpolitische Gesetzgebung hat im Grossen und Ganzen im 19. Jahrhundert nichts anderes getan, als Wandlungen, die sich auf dem Arbeitsmarkte vollzogen hatten, nachträglich die gesetzliche Weihe zu verleihen. Wo sie der industriellen Entwicklung vorauseilte, wurde der Vorsprung durch den schnellen Fortschritt der Reichtumszunahme bald wieder aufgeholt. Wo aber die Arbeiterschutzgesetze Verfügungen trafen, die nicht einfach eine Bestätigung eingetretener Wandlungen oder die Vorwegnahme von Wandlungen, die sich vorbereiteten, darstellten, blieb es fraglich, ob sie für die betroffenen Arbeiter mehr eine Wohltat oder eine Last bedeuteten.

Die Sozialversicherungsgesetze haben dem Arbeitnehmer bestimmte Zuwendungen gebracht. Doch die Aufbringung der Mittel, aus denen diese Zuwendungen bestritten wurden, belasten, sofern sie durch eine allgemeine Steuer beschafft werden, immer die Arbeitnehmer, gleichviel ob die Arbeitgeber zu Beitragsleistungen verpflichtet wurden, die sie dem Arbeiter vom Lohn nicht abziehen dürfen, oder nicht. Eine Belastung durch Sozialversicherungsbeiträge, Steuern oder anderer Art des Arbeitslohns wird vom Arbeitgeber als Erhöhung des Preises, den er für die Arbeit zu zahlen hat, angesehen und muss daher schließlich durch eine entsprechende Senkung des dem Arbeiter zukommenden Barlohnes ausgeglichen werden. So betrachtet stellt sich die Sozialversicherung nicht als eine gegen den Arbeitgeber gerichtete Zwangsmassnahme dar, sondern als eine dem Arbeitnehmer auferlegte Beschränkung der Verwendung seines Arbeitsertrages.[xxiii]


Interventionismus, das Gegenstück zur Deregulierung, wird heute von linker Seite gefordert und von bürgerlichen Politikern als „kleineres Übel“ aus sozialen Motiven oder aus wahltaktischen Überlegungen befürwortet. Man möchte zwar nicht zentral lenken und befehlen, aber mit allerlei „helfenden“ punktuellen Eingriffen die Probleme lösen. Dienen solche Eingriffe wirklich den behaupteten sozialen Zwecken?

Wenn man die Betrachtung auf die unmittelbaren Wirkungen einzelner Eingriffe beschränkt, vermag man weder ihre weiteren mittelbaren Wirkungen noch die Folgen der interventionistischen Politik als Ganzes zu erkennen. Doch wer sozial denkt, d.h. die Dinge mit dem Blick auf das gesellschaftliche Gefüge und auf die Ziele, die die Menschen ihrem Handeln setzen, betrachtet, muss zum Urteil gelangen, dass der Interventionismus das, was er anstrebt, nicht erreichen kann, dass er vom Standpunkte derer, die ihn empfehlen, und derer, die die Eingriffe setzen, zweckwidrig ist.[xxiv]


Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Der große österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises lebte von 1881-1973. Die Fragen und Zwischenbemerkungen in diesem fiktiven Interview wurden von Robert Nef verfasst.

Das Hauptwerk von Ludwig von Mises ist im deutschsprachigen Raum praktisch unbekannt geblieben, obwohl die englische Fassung mit dem Titel „Human Action“ in den USA ein ausserordentlich erfolgreiches Standardwerk ist. Angesichts des offensichtlichen Scheiterns wohlfahrtsökonomischer und keynesianischer Modellkonstruktionen wäre es Zeit für eine Renaissance der Theorien der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, zu deren führenden Vertretern Ludwig von Mises zu zählen ist.


Dieser Beitrag wurde zuerst bei der Zürcherin veröffentlicht.

 

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[i] Ludwig von Mises: „Nationalökonomie, Theorie des Handelns und Wirtschaftens“, S. 720. Genf 1940, unveränderter Nachdruck München 1980, Philosophia Verlag.

[ii] a. a. O., S. 546

[iii] Ludwig von Mises: „Vom Wert der besseren Ideen“, S. 84 f. Stuttgart 1983.

[iv] Ludwig von Mises: „Nationalökonomie, Theorie des Handelns und Wirtschaftens“, S. 545. Genf 1940, unveränderter Nachdruck München 1980, Philosophia Verlag.

[v] a. a. O., S. 546

[vi] a. a. O., S. 542

[vii] a. a. O., S. 545 f.

[viii] a. a. O., S. 545

[ix] a. a. O., S. 563

[x] a. a. O., S. 576

[xi] a. a. O., S. 573 f.

[xii] a. a. O., S. 547

[xiii] a. a. O., S. 548

[xiv] a. a. O., S. 721

[xv] a. a. O., S. 721

[xvi] a. a. O., S. 720

[xvii] a. a. O., S. 543 f.

[xviii] a. a. O., S. 536 f.

[xix] a. a. O., S. 721 f.

[xx] a. a. O., S. 553 f.

[xxi] a. a. O., S. 550

[xxii] a. a. O., S. 550 f.

[xxiii] a. a. O., S. 562 f.

[xxiv] a. a. O., S. 722