Novo Argumente hat eine spannende Rezension der gerade erschienenen Biographie der Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, „Ich wollte frei sein“, veröffentlicht. Joseph Hueber schreibt im Magazin:

„Bekehrungsgeschichten finden ihre Leser. Sie erzählen von einem Kampfgeschehen ihres Helden mit – oder besser – gegen sich selbst, sind also Offenbarung des Protagonisten, sie schreiben gegen unseren inneren Strom der Gleichgültigkeit oder Trägheit und gewinnen so unser Erstaunen oder vielleicht sogar unsere Bewunderung. Manche von ihnen erlangten Weltruhm: Augustinus’ Bekenntnisse oder das Damaskuserlebnis des Apostels Paulus, erzählt in der Apostelgeschichte.

Die deutsche Literatur der jüngeren Vergangenheit kennt diesen Stoff: Wolfgang Leonhards Die Revolution entläßt ihre Kinder oder Ralph Giordanos Erinnerungen eines Davongekommenen sind zwei lesenswerte Bücher dazu. Beide Darstellungen sind Heilungsgeschichten, sie handeln von der Überwindung politischer Illusionen.

In diese Reihe könnte man Vera Lengsfelds Ich wollte frei sein stellen. Auch sie erzählt eine (Lebens)geschichte der Wandlung durch Begegnung mit der unvermuteten Realität. Eine Reise der jungen Frau nach Moskau sät erste Systemzweifel am Sozialismus, die Heilung tritt im Laufe ihres Engagements in der Bürgerrechtsbewegung ein, noch bevor die Mauer am 9. Nov. 1989 fällt – an dem Tag, an dem sie in die DDR zurückkehrt von einem Studienaufenthalt in Cambridge. Dass sie sich heute als Libertäre bezeichnet, die sich für die Marktwirtschaft ausspricht, die der 68er Generation nicht den Beifall zollt, der mittlerweile fast schon zum politischen Mantra geworden ist, zeugt nicht von Erstarrung und verloren gegangenem „linken“ Idealismus, sondern von Veränderbarkeit, von dem Ergebnis schmerzhaften Lernens. Libertär sein ist für Lengsfeld die Bejahung der komplementären Verbindung von Freiheit, Liberalität und persönlicher Verantwortung, das eine dem anderen verpflichtet.

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