Gerd Habermann schreibt für die Familienunternehmer im neuesten Kommentar aus Berlin:

„Die FDP kämpft um ihre geistige Identität, ihr politisches „Alleinstellungsmerkmal“, so als ob sie diese neu erfinden müsste. Entsprechend sind die Leitfragen ihrer Programmdebatte gestellt, welche vielfach an dem liberalen Anliegen vorbeigehen und auf falsche Gleise führen. Zunächst: der Liberalismus – von lat. libertas, Freiheit – ist die geistige und politische Bewegung zugunsten der Freiheit des Einzelnen, unabhängig von Klasse und Stand, Nation, Herkunft, Rasse, Religion oder Geschlecht. Er ist eine Soziallehre. Seine Wurzeln reichen in die Antike (Aristoteles, Stoa und Epikur) zurück. Er ist besonders eine Botschaft für den „kleinen Mann“, den er aus erzwungenen Bindungen an die Scholle, an machtvolle Herren, an Zunft- und Glaubensmonopole oder Staatswillkür befreien wollte. Er war und ist eine frohe Botschaft vor allem für die, die kein Eigentum kannten außer an ihrem Talent, ihrem Fleiß und ihrer Tüchtigkeit. So sah denn das 19. Jahrhundert den Aufstieg dieses „kleinen Mannes“ – niemals war er so zahlreich und ging es ihm hinsichtlich materiellem Komfort und Lebenserwartung so gut wie schon am Ende jenes Jahrhunderts – „sozialer“ geht es kaum.

Erst der Triumpf von Nationalismus, Protektionismus, Planwirtschaft und Bevormundungsstaat verschlechterten im 20. Jahrhundert wieder seinen Status: Heute hat ein lediger Facharbeiter nur noch ein Drittel Netto von seinem Verdienst übrig (bei realistischem Einbezug auch indirekter Steuern und Zwangsabgaben wie der Rundfunksteuer); die restlichen zwei Drittel muss er dem Fiskus und den fürsorgenden Behörden überlassen. Die Vertragsfreiheit ist in weiten Teilen wieder perdu, vom Arbeitsrecht angefangen und die um sich greifende Gleichmacherei (Antidiskriminierungsgesetze, politische Korrektheit) verkleinern selbst den Raum der geistigen und der Meinungsfreiheit. So ist der echte Liberalismus mit den Zentralwerten Freiheit, Eigentum, Gerechtigkeit, Wettbewerb, Selbstverantwortung, Subsidiarität zur Zeit wieder in der Defensive. Was soll uns da ein „Sozialliberalismus“? Das ist wie ein hölzernes Holz oder ein steinerner Stein. Die Freiburger Thesen (1971) verstanden darunter die „Demokratisierung“ der Wirtschaft und Bildungsanstalten, sie forderten überbetriebliche Vermögensbildung (über Zwang), die Kommunalisierung des Bodenrechts, sprechen in marxistischer Art vom „Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit“ und taten bürgerliche Freiheit als „bloß formal“ ab. Sie verstanden unter Freiheit vor allem die Versorgung durch den Staat („Freiheit von Not“), die sich genau betrachtet auch mit Knechtschaft verträgt (der „wohlgenährte Sklave“ Wilhelm von Humboldts.) Man kann eben arm und doch frei sein, frei vom willkürlichen Herumkommandiertwerden durch andere Menschen heißt das. Wenn das – mit dem Wieselwort – „sozial“ ist: liberal ist es jedenfalls nicht. Die Bilanz der „sozialliberalen“ Koalition (1969 – 1982) war wirtschaftlich miserabel.

Oder der Nationalliberalismus, der vor Bismarck’scher Machtpolitik, seiner cäsaristischen Sozialpolitik und seinem Protektionismus kapitulierte – auch er war in demselben Maße weniger liberal als er national und sozial war – ein Irrweg (nicht zu verwechseln mit wohlverstandenem Patriotismus). Und dann die Spottgeburten eines „mitfühlenden Liberalismus“, gar eines „Liberalismus mit menschlichem Antlitz“. Eine besonders komplexe Variante ist ferner der „ökosoziale“ Liberalismus. Der organisierte Liberalismus macht sich in dieser Weise nur unkenntlich. Aber: wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Brauchen wir neben der Linken, den egalitären Grünen, den gleichfalls egalitären „Piraten“, der SPD und einer CDU/CSU, deren Profil verschwimmt, eine weitere Partei ohne freiheitliches Profil? Gewiss nicht. Aber den Liberalismus, den brauchen wir – an seinem Weiterbestehen hängen der Reichtum, der Glanz, die Vitalität und Schönheit unserer Kultur, in Deutschland und sonst auf der Welt.“

Aus den Kommentaren bei Die Familienunternehmer