von Jonathan Gruner

Die deutschsprachige Theaterlandschaft liebe ich sehr! Sie bringt, natürlich neben vielen öden, langweiligen, unentschiedenen, abgeschmackten und kraftlosen Abenden, immer wieder Inszenierungen hervor, die überwältigen, (be)rühren, anzweifeln, hinterfragen, anfachen, oder amüsieren, und vor allem: immer wieder neu sich der Aufgabe stellen, den Zuschauer mit sich selbst zu konfrontieren; etwas, das meines Erachtens in dieser Art ein einmaliger Vorgang ist, nicht gleichzusetzen mit bloßer Massenbespaßung um ihrer selbst willen oder Belehrung um eines völlig außerhalb der Kunst stehenden Zieles willen.

Vor allem liebe ich die deutschsprachige Theaterlandschaft, weil sie sich auch im für den Zuschauer meist im Dunkeln liegenden Erarbeitungsprozess der einzelnen Aufführungen sowie auch im Leitungsprozess eines ganzen Theaters ständig mit Fragen auseinander zu setzen bereit ist, die zu stellen vielen Menschen verwehrt bleibt oder ihnen bisweilen schlicht zu anstrengend ist.

Doch gibt es, neben sämtlicher unbewusster Axiomatik, die jeder „Szene“ eigen ist und die zu untersuchen hier nicht der Ort sein soll, in dieser Theaterszene bestimmte ideologische Gewohnheiten, Festgefahrenheiten geradezu, an denen der Selbsthinterfragungsprozess mitunter zu scheitern scheint. Zu diesen ideologischen Gewohnheiten gehört, was in abgeschwächter Form seit der „Bankenkrise“ auch in Restdeutschland en vogue ist:

1.: Das Axiom des entfesselten Freien Marktes in den letzten Jahrzehnten

2.: Die absolute Feindschaft gegenüber dem, was man, Punkt 1 folgend, als „Kapitalismus“ versteht

Mit diesem „Kapitalismus“ identifiziert wird unter anderem Uniformität ( –> Man sehe sich die Fußgängerzonen all den größeren Städten an), Druck ( –> Gehe einer anerkannten gesellschaftlichen Tätigkeit nach oder verhungere!), Mittelmäßigkeit durch Polyvalenz ( –> Wer von allem etwas kann, kann nichts herausragend), Gedankenlosigkeit ( –> Konsumrausch hervorgerufen durch Manipulation des Unterbewusstseins per Werbung etc.), Krieg ( –> Rohstoffinteressen und Rüstungsindustrie) sowie destruktiver Egoismus ( –> Wenn ich meinen Gewinn maximiere, schade ich anderen).

Ohne diese Punkte an dieser Stelle nun im einzelnen auf ihren Zusammenhang mit dem herrschenden System, dem als „Kapitalismus“ missverstandenen Korporatismus, zu untersuchen, sei darauf hingewiesen, dass gerade die Theaterwelt schon seit Jahrzehnten bestimmte Seiten einer als „kapitalistisch“ empfundenen Wirklichkeit in höchstem Maße avantgardistisch vor-lebt.

In welchen Berufsfeldern sonst gibt es eine derartige Eigenverantwortlichkeit, wo sonst gilt das Leistungsprinzip so radikal, in welchem Beruf ist eine solche Flexibilität erforderlich, und welcher Arbeiter muss bei jeder seiner Arbeiten wieder damit rechnen, entlassen zu werden, bloß weil ein Aspekt seiner Arbeit seinem Vorgesetzten nicht gefällt?

So möglichst kalt und „unkünstlerisch“ formuliert klingen diese Qualitäten vermutlich zunächst abschreckend auf einen im Theaterumfeld arbeitenden, und doch verkörpern sie das fest in der Theaterlandschaft verwurzelte, – um nicht zu sagen: heutzutage für diese Theaterlandschaft unabdingbare – Gerüst, an dem erst der arbeitende wie der genialische Künstler sich zu kreativen Prozessen emporzuschwingen in die Lage versetzt sieht!

Und doch: Lese ich zu einer Aufführung, die ich noch nicht kenne, in irgendeinem Programm an irgendeinem Theater irgendein Wort, das dem Begriff „Kapitalismus“ nahe kommen könnte, weiß ich schon von vornherein, was inhaltlich passieren wird: Entweder wutrote Anprangerung des angeblich herrschenden Freien Marktes oder völlige Ironisierung des missverstandenen Kapitalismus, um diesen lächerlich zu machen!

Und Marx darf ohnehin nie fehlen, auch nicht in Programmheften zu völlig apolitischen Stücken und Inszenierungen (dies sei nicht als Stellungnahme meinerseits gegen Marx-Zitate in apolitischen Programmheften missverstanden! Vielmehr sind es die  – teils wohl unbewussten – Gründe, die so manchen Dramaturgen und Regisseur zur Verwendung dieser Zitate bringen, die ich kritisch sehe).

Am 12. September sah ich nun auf der Homepage des Deutschen Theaters Berlin, dass „Capitalista, Baby!“ gespielt wird. Am vorigen Abend hatte mir jemand davon erzählt, und um nachzuforschen, aus welchem Grund das gewesen sein könnte, klickte ich den Stücktitel an.

Zu meiner absoluten Überraschung handelte es sich um ein Stück, dass die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner dem Roman „The Fountainhead“ von – man höre und staune – Ayn Rand entliehen hatten.

Deshalb war ich auf die Aufführung aufs äußerste gespannt und erwartete die allgemein bei diesem Thema so beliebte Ironisierung zum Zwecke der Lächerlichmachung. Doch ich wurde – zumindest teilweise – eines besseren belehrt.

Zwar wird kräftig ironisiert, doch, so zumindest interpretierten ich und ein mit mir die Vorstellung besuchender Freund die Inszenierung, kommt diese Ironie sehr brüchig daher, nicht als absolute, grinsende Fratze der Behauptung, sondern vielmehr als Infragestellung der Textvorlage, die aber in dieser Infragestellung ernstgenommen worden zu sein scheint.

Rands Gedankengänge werden (natürlich auszugsweise) dem Zuschauer in mancher Szene klar und schonungslos vorverköpert durch außerordentlich präsente Darsteller, allen voran Daniel Hoevels als genialischer Architekt Howard Roark, die die Idee Ayn Rands – oft auch ironisch, aber eben dennoch unlapidar – erlebbar machen, wie auch immer man sich als Zuschauer zu dieser Idee stellen mag.

Und Rands Idee beinhaltet die Totalität des radikalen Individualismus, der auch der Theaterkunst eigen ist, – eigen sein muss!

Wenn ich mich als Theaterschaffender nicht in völliger Hingabe an mich selbst im Schöpfungsprozess absolut setze und erlebe, so bin ich im Ergebnis verdammt zu Ödnis, Langeweile, Unentschiedenheit, Abgeschmacktheit oder Kraftlosigkeit, den Symptomen der Krankheit der Selbsterniedrigung selbst noch im Schöpfungsvorgang. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es soll nicht behauptet werden, ein z.B. langweiliger Abend müsse zwangsläufig seine Ursache in direkter Selbsterniedrigung der Beteiligten haben. Selbstverständlich kann es auch andere Gründe geben, wie beispielsweise technisch unzureichende Fähigkeiten, erschwerte Probenbedingungen, ungelöste Knotenpunkte, ausgeblendete Fragen und dergleichen mehr. Doch all diese Gründe sind letztlich immer Partikularprobleme entspringend aus dem Versäumnis, sich so absolut dem aus dem eigenen Ich entspringenden – und nur aus diesem entspringen könnenden – Schöpfungsprozess zu überantworten, dass dieser Schöpfungsprozess selbst das Kunstwerk werden kann.

Und siehe da, das Publikum war mal amüsiert, mal – vereinzelt – kopfschüttelnd, aber allenthalben gebannt!

Man merkte förmlich, wie diese neuen, so zuvor von den meisten wohl nicht gehörten Gedanken auf die Zuschauer wirkten, die, in diese Konfrontation gestellt, anfingen zu – denken!

Dass die ewige Forderung des modernen Theaters an sich selbst, zu irritieren, aufzurütteln und in Frage zu stellen, sich bei politischen Themen meist darin erschöpfte, dem Zuschauer mit mehr oder weniger Verve mitzuteilen, auch er sei ja genauso an allem durch sein Konsumverhalten schuld wie alle anderen auch, und dieser angeblich Irritierte in scheinbetroffenes Nicken einstimmte, das war bis dato der bittere Alltag des politischen Theaters.

Dieser Alltag wird mit „Capitalista, Baby!“ durchbrochen! Eine völlig aus einer anderen Welt stammende Gedankenführung als die dem durchschnittlichen deutschen Politikinteressierten bekannte wurde dem Zuschauer zur Verfügung gestellt.

Und auch wenn seine Reaktion radikale Ablehnung sein sollte, so sieht er sich doch (endlich!, möchte man rufen) einer wirklich alternativen, für ihn vielleicht sogar ganz neuen Gedankenwelt gegenüber, zu der er sich in ein individuelles Verhältnis zu stellen aufgefordert ist.

Der selbstgerechte Habitus des spießigen Antikapitalismus, der nicht nur auf falschen Annahmen beruht (die falscheste von allen: wir hätten einen Freien Markt), sondern den Inhalt dieser Annahmen auch noch durch die falschen Mittel zu bekämpfen versucht (ein Aufwecken für diese politischen Verhältnisse sei zu erreichen durch die bis ins phrasenhafte gesteigerten Wiederholung des immer Gleichen), MUSS sich von nun an, und das ist vielleicht der größte Verdienst dieser Inszenierung, mit Ayn Rand auseinandersetzen! (idealisch gesprochen; in der konkreten Praxis ist das selbstverständlich, eins zu eins verstanden, so nicht möglich). Mit anderen Worten: Für Politisches-Theater-Schaffende mit intellektueller Redlichkeit darf es ein bloßes „Weiter so!“ nicht geben!

Von nun an nicht mehr Vorgekautes nachzubeten, um sich zu suhlen im Gefühl moralischer Überlegenheit, sondern vielmehr durch das Mittel der eigenen Vernunft sich in ein individuelles Verhältnis zu den Inhalten des zu machenden Theaters zu stellen, um aus diesem individuellen Verhältnis heraus zum Kunst-Schaffenden, zum Schöpfer zu werden, der die eigene Schöpfung, sich selbst, wie auch die antizipierten Adressaten in dieser Schöpfung zu lieben in der Lage ist und somit erst wahre Sinnhaftigkeit stiften kann, das kann Ursprung und auch wieder Ziel sein einer Theaterkunst die überwältigt, (be)rührt, anzweifelt, hinterfragt, anfacht und/oder amüsiert, und vor allem: den Menschen mit sich selbst konfrontiert.

Um es mit Howard Roarks Worten auszudrücken:

„Um zu sagen: „Ich liebe Dich“ muss man erst „Ich“ sagen können!“

Informationen und Karten beim Deutschen Theater Berlin

Weitere Informationen zu Ayn Rand

Wikipedia deutsch

„Ayn Rand“

„Der ewige Quell“

„Objektivismus“

Wikipedia englisch

„Ayn Rand“

„The Fountainhead“

„Objectivism“

The Ayn Rand Institute

Ayn Rand Society

Weitere Kritiken zur Inszenierung

Frankfurter Rundschaue: „Ich zuerst“

Kulturradio.de: „Inszenierung des politischen Bestsellers The Fountainhead von Ayn Rand“

Nachtkritik.de: „Das hieße ja denken!“

Tip Berlin: „Jürgen Kuttner und Tom Kühnel über „Capitalista, Baby!“ „

Mittelbayerische Zeitung: „Bravourstück: «Capitalista, Baby!» von Ayn Rand“

ef-Magazin: „Aktuelle Nachricht – Schauspiel: Ayn Rand in Berlin“