Gerd Habermann hat das Buch von Thilo Sarrazin gelesen und bei den Familienunternehmern einen zusammenfassenden Kommentar dazu veröffentlicht:

Der Angriff auf den Wohlfahrtsstaat

Zu Recht erregen die Thesen Sarrazins besonders jene „politisch korrekte“ Meinungsoligarchie in Medien und Politik, die sich daran gewöhnt hat, über erlaubte und unerlaubte Ansichten autoritativ und in der Tonart eines Scharfrichters zu entscheiden. Seit den Zeiten von Wolfram Engels und Röpke oder Erhard ist kein so scharfer Angriff auf die ideologischen und ökonomischen Säulen des Wohlfahrtsstaates geführt worden. Es geht in Sarrazins lesenswertem, mit Zahlen und wissenschaftlicher Literatur unterfütterten Buch im Kern um folgendes:

1. Der Wohlfahrtsstaat demoralisiert durch seine gut bemessenen und bequem zu erlangenden Transfers (Grundsicherung: 60 Prozent des Durchschnittseinkommens), den Geist und Willen, aus eigener Initiative mit Problemen fertig zu werden. Der Kampf gegen eine „relative Armut“ kann nie gewonnen werden, weil dies eine Schimäre ist, denn es gibt immer unterschiedliche Einkommensverhältnisse.

2. Besonders Unterschichten richten sich in der Grundsicherung (Sozialhilfe/Arbeitslosengeld II) auf Dauer ein. Allein in Berlin sind dies über 600.000 Menschen: eine Versuchung für jene, für die es rationaler ist, auf öffentliche Kosten zu leben statt zu arbeiten, namentlich in Verbindung mit Schwarzarbeit.

3. Die Standards des deutschen Wohlfahrtsstaates haben Einwanderer festgehalten, die in Deutschland mit Sozialleistungen weit besser leben als in ihrer Heimat mit Arbeit. Dies betrifft in erster Linie die islamischen Einwanderer aus der Türkei und den arabischen Ländern. Großzügige Einwanderungsregeln machen es möglich, dass über „Kettenwanderung“ (Familiennachzug!) Stadtteile von ihnen fast geschlossen besiedelt werden und dort staatlich subventionierte „Parallelgesellschaften“ entstehen. Dies betrifft wohl über eine Million Menschen (natürlich gibt es auch gebildete Minderheiten, die sich integrieren). Deutsche Integrationspolitik bietet viel, namentlich Materielles, und verlangt wenig Gegenleistung. Zudem setzt deutsche Familienpolitik mit Kindergeld etc. dieser Gruppe einen Anreiz, viele Kinder zu haben.

4. Diese Vorgänge werden überlagert von einem demographischen Problem, das, nicht nur in Deutschland, ins Existentielle geht. Jede Generation vermindert sich um ein Drittel. 2050 wird es um 40 Prozent weniger 30-jährige Deutsche geben als heute. Bei Andauer dieser Tendenz werden die Deutschen zu einer Minderheit in einem regional oder sogar landesweit islamisch geprägten Land.

5. Der Optimismus der Bildungspolitik geht von der Illusion aus, alle Menschen könnten gleich „begabt“ werden. In der Realität zeigt sich jedoch die Ungleichheit der Begabungen. So wurden die Bildungsstandards gesenkt. Ferner hat diese Politik bewirkt, dass die Unterschichten begabungsmäßig ausgezehrt wurden. So sammelt sich dort ebenfalls eine subventionierte bildungsferne Schicht, die außerdem mehr Kinder hat als die Oberschicht (Anreiz über Kindergelder etc.). Daher die Formel: die Deutschen werden weniger und dümmer – sie „schaffen sich ab“.

Die Schlußfolgerungen von Sarrazin:

1.    Eine Reduktion der Grundsicherung (bisher 60 Prozent vom Durchschnittseinkommen), kombiniert mit Arbeitspflichten (Vorbild: „Workfare“, USA).

2.    Stärkere Selektion bei der Zuwanderung, die in die Sozialsysteme gehen könnte und forsche Integrationsprogramme (Vorbild: ebenfalls USA).

3.    Emotionale Werbung für mehr Kinder, namentlich in den „bildungsnahen“ Schichten. Hier schlägt Sarrazins optimistischer Patriotismus durch – und: „Wer sich bei der Geburtenrate nichts zutraut, braucht bei der Welttemperatur gar nicht erst anzutreten“.

Sarrazins Thesen entsprechen gesundem Menschenverstand. Wer der deutschen Sprache und Kultur und der Leistungsgesellschaft keinen Wert beimisst, ist mit dieser Botschaft allerdings nicht zu erreichen.
Der Rücktritt Sarrazins ist ein geistiges Armutszeugnis für die „politische Klasse“.

Advertisements