Üblicherweise spielt die offene Frage „Gefällt Ihnen mein Körper?“ in unserem Kulturkreis eine allenfalls private Rolle. Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt, hat das Thema jedoch über die vergangenen Jahrzehnte erheblich an Bedeutung gewonnen. Denn alle in der gesetzlichen Krankenversicherung zwangsweise zusammengeschlossenen Versicherten bilden gleichsam einen Gesamtkörperfonds. Innerhalb dieses Gesamtkörpers wird für legitim gehalten, dass auch einzelnen Krankenkassenmitgliedern zunehmend die Frage nach der Beschaffenheit ihres Körpers gestellt wird.

Bei natürlicher Betrachtungsweise neigen wir Menschen bislang noch immer überwiegend zu der Auffassung, dass unser Körper uns jeweils einem jeden für sich selbst gehöre. Nicht zuletzt deswegen reden wir umgangssprachlich gerne von „meiner Hand“ oder „meinem Kopf“. Philosophen bezeichnen dieses Phänomen mit dem Begriff vom „Selbsteigentum am eigenen Körper“. All das, was auf meinem Stuhl sitzt, was bisweilen Hunger hat und Durst oder manchmal schmerzt, wird als das ursprünglich und persönlich Eigene verstanden.

Das deutsche Sozialgesetzbuch hat sich jedoch erstaunlicherweise für eine völlig andere Auffassung von unseren Körpern entschieden. Für die gesetzliche Krankenversicherung stellt § 1 S. 1 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) klar, dass es die Aufgabe der Krankenkassen ist, die Gesundheit eines jeden Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen und zu bessern. Anders gesagt: Kapitän eines jeden einzelnen Körpers ist primär das Kollektiv der Krankenversichertengemeinschaft. Der menschliche Körper des Individuums wird so zum Verfügungsobjekt behördlicher Aktivitäten. Der einzelne darf lediglich sekundär über sein leibliches Schicksal mitreden. § 1 S. 2 SGB V sagt: „Die Versicherten sind für ihre Gesundheit mitverantwortlich.“ Das Gesetz belässt dem Einzelnen also nur noch ein Mitbestimmungsrecht an seinem Körper. Die wesentlichen Rechte daran sind schon auf das Kollektiv der Krankenkassen übergegangen.

In § 21 des Zivilgesetzbuches der DDR hieß es: „Die Bürger sind berechtigt, staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen des Gesundheitswesens kollektiv und individuell zu nutzen. Die Nutzung erfolgt entgeltlich oder unentgeltlich in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Erfordernissen und Möglichkeiten. Die Bürger sind verpflichtet, mit dem sozialistischen Eigentum pfleglich und sorgsam umzugehen, es vor Schaden zu bewahren sowie die Rechte und Interessen anderer Nutzer zu berücksichtigen.“

Die Parallele zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung eines jeden Pflichtversicherten im Umgang mit dem eigenen Körper hier und heute liegt auf der Hand. § 52 SGB V sanktioniert vorsätzliche Angriffe auf die eigene Gesundheit dadurch, dass das Kollektiv der Versicherten in diesem Falle nicht für die Gesundheit zuständig ist. Inzwischen gelten bereits Tätowierungen und Piercings als rechtsrelevante Anknüpfungspunkte für die Gewährung oder Nichtgewährung von Zahlungsansprüchen.

Ob mein Körper Ihnen gefällt, wird somit zum diskutablen Politikum. Das Rechtsgefühl für Selbsteigentum wird damit zwar verletzt, aber das System will es so. Wollen wir es auch?

Carlos A. Gebauer