Herausragende Persönlichkeiten beeinflussen den Lauf der Dinge. Entscheidungen für und gegen einzelne Personen stellen historische Weichen: Adenauer statt Schumacher – eine knappe, folgenreiche Abstimmung; Hitler statt Schleicher – eine dramatischere Entscheidung erscheint schwer vorstellbar; der frühe Tod des vergleichsweise liberalen deutschen Kaisers Friedrich III. brachte seinen Sohn Wilhelm II. auf den Thron.

Die Wahl des neuen Bundespräsidenten besitzt voraussichtlich nicht eine derart bedeutende historische Dimension. Das liegt auch an den vergleichsweise ruhigeren Rahmenbedingungen, allerdings stecken wir inmitten einer bedeutsamen Krise von Politik und (infolgedessen) Wirtschaft. Und gerade weil das so ist, könnte die Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten zu einer ergriffenen Chance werden.

Derzeit steht auch bei Intellektuellen des Mainstreams der Parteienstaat im Zentrum der Kritik. Selten war die Kluft zwischen Regierenden und Regierten größer, das Ansehen der Berufspolitiker bei der Bevölkerung geringer. Aus freiheitlicher Sicht stellt die Herrschaft der Parteien als Klientelvereine zur Bedienung von Sonderinteressen ihrer Mitglieder der Ochlokratie nahe. Die Ochlokatrie ist nach der antiken Staatslehre die Verfallsform der Demokratie, das Gemeinwohl weicht der Bedienung von Sonderinteressen und mündet in einer Herrschaft des Pöbels.

Kommentatoren mit Format wie der Historiker Arnulf Baring legen den Finger in die Wunde, wenn sie den unübersehbaren Mangel politischer Persönlichkeiten unter den Berufspolitikern kritisieren. Zugleich steht Deutschland vor großen Herausforderungen: Die Weltwirtschaftskrise eskaliert mit der Insolvenz von Staaten, die Staatsverschuldung hat Dimensionen erreicht, wie sie nur aus der Zeit von Weltkriegen bekannt ist, Regierungen haben Verträge gebrochen und Recht mit Füßen getreten, die sozialen Sicherungssysteme stehen nahezu ohne Fundament da, Europa in Gestalt der EU thront über den Bürgern, die Ausdehnung des Staates und der Bürokratie hat schleichend gewaltige Ausmaße angenommen. Zugleich weht ein Hauch von Sehnsucht nach Freiheit durch die Republik.

Joachim Gauck hat von Beginn an erlebt, was das Fehlen von Freiheit bedeutet, schon im Alter von 11 wurde sein Vater für einige Jahre nach Sibirien deportiert. Journalist konnte er im Unrechtsstaat DDR nicht werden. Für den parteilosen Bürgerrechtler Gauck ist klar, dass Freiheit kein Luxusgut ist, sondern den Dreh- und Angelpunkt der Politik bilden sollte. Der Zweck des Staates ist der Schutz der Freiheit.

Joachim Gauck ist ein eigenständiger Kopf, der sich in kein Schema pressen lässt, ein Querdenker, der zwar vielleicht kein konsequenter Liberaler, aber ein Verfechter von Einigkeit und Recht und Freiheit ist. Als Kandidat kann er von einer breiten Zustimmung der Bevölkerung ausgehen; er würde von einem parteienübergreifenden Konsens in sein Amt getragen werden. Der protestantische Pfarrer stünde über den Parteien, aber nicht gegen sie. Als Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen ist er eine geradezu ideale Besetzung als Staatsoberhaupt, wenn es um die Freiheit vom Staat geht. Seine Altersreife und seine Stärke als guter Redner sind zusammen mit seiner bürgerlichen Intellektualität glänzende Voraussetzungen für ein Staatsamt, das von der Kraft der Person und der Rede ausgefüllt wird.

Joachim Gauck fühlt sich allein der „Liebe zur Freiheit“ verpflichtet. Schließlich sei die Freiheit viel kostbarer als von vielen gedacht. Wer sonst könnte für eine Wende der Berufspolitiker sorgen und eine Freiheitsrevolution im Kleinen anstoßen?

Michael von Prollius

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