Blogger sind die neuen Journalisten, heißt es gelegentlich. Einen solchen Blog als digitales Tagebuch nutzt auch ein Bekannter von mir, um darin seine Meinung über bestimmte Themen kundzutun oder einfach seine Freunde wissen zu lassen, was er denn gerade so treibt. Zuletzt reiste dieser junge Mann durch Lateinamerika und tippte – dort in einem Zelt ruhend und über „Wireless“-LAN mit dem Rest der Welt verbunden – in seinen Laptop folgende Zeilen: „Ich habe bisher noch nicht die ‚absolute‘ Armut gesehen“. Aber, so fügte er hinzu, werde einem bewusst, dass die für uns alltäglichen Dinge wie etwa Strom, sauberes Wasser und gefüllte Geschäftsregale dort eben „nicht so alltäglich“ sind.

Die relative Armut der sogenannten Zweiten und Dritten Welt im Vergleich mit den entwickelten Industriestaaten sorgt immer wieder für die Frage nach der „Ursache“ der Armut. Je nach zugrundeliegender Ideologie bemüht man sich beim Beantworten dieser Frage darum, den anklagenden Finger entweder auf die „ausbeutenden Industriestaaten“, „hohe Schutzzölle“, „Klimakatastrophen“, „fehlende Werte und Tugenden in den betroffenen Ländern“ oder etwas anderes zu richten. Leider haben alle diese Versuche gemeinsam, dass sie nicht zum tatsächlich zu Erklärenden vordringen, sondern stattdessen eine Ursache für das völlig Natürliche suchen.

Es ist ja nicht etwa der Zustand der Armut, der einer Erläuterung bedarf. Vielmehr sind der Reichtum und der Fortschritt das eigentlich Wunderbare, das es zu erklären gilt, und der natürliche Zustand ist es, in Armut zu leben – in bitterer Armut sogar: Ein Mensch ist buchstäblich nackt geboren, er verfügt am ersten Tage seines Lebens über nichts außer der Liebe seiner Eltern. Alle Güter, die sie ihm mit auf den Weg geben können, müssen sie zuvor erarbeitet und erspart haben. In diesem Sinne unterscheidet sich eine Stammesgemeinschaft am Amazonas überhaupt nicht von der kleinen Gemeinschaft einer alleinerziehenden Angestellten mit ihren Kindern in New York. Der Wirtschaftsprozess kann in beiden Fällen kapitalistisch genannt werden, d.h. er beruht auf einer Akkumulation und Ausdifferenzierung von „Kapital“, seien das nun Baumaterialien, Werkzeuge und Maschinen, reale oder monetäre Vorräte – sprich alles, was nicht für den sofortigen Konsum bestimmt ist, sondern in der Produktion verwendet oder für die eigene Zukunft oder die Zukunft der Nachkommen aufgehoben wird. Überall gelten dieselben Gesetze der Ökonomie, ob im dichten Dschungel oder in der grauen Großstadt.

Wenn Armut nichts weiter ist als die Abwesenheit von Reichtum, dann ist klar: Will man ersteres verhindern oder wenigstens mindern, muss man Wege finden, um letzteres zu mehren.

Aus dieser Perspektive betrachtet rückt unser Augenmerk fort von allen „ausbeuterischen“ Nullsummenspielen und den Debatten um kulturelle Eigenarten armer Völker. Stattdessen richtet es sich wieder auf eine unumstößliche Wahrheit menschlicher Existenz, der wir gezwungen sind, die Stirn zu bieten: Richard von Strigl nannte dies die „Lebensnot“, den Zustand der Knappheit, den zu mindern alles wirtschaftliche Handeln trachtet, gleichwohl es einen Endpunkt bei diesem Prozess freilich nicht geben kann. Der Zustand allgemeiner Armut ist dabei der Anfang jedes wirtschaftlichen Unterfangens; relativer Wohlstand das Ergebnis, dessen Ursachen es zu begründen gilt. Jeder Versuch diese Deutungsrichtung zu verdrehen und als Grund der Armut bloß den Wohlstand Anderer zu nennen, ist schlicht falsch und obendrein noch sehr sinister.

Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass jede politische Maßnahme, die es verhindert, dass Menschen ihrer natürlichen Lebensnot in freier Absicht und aus eigener Anstrengung heraus entkommen, in Wahrheit zu andauernder Armut verdammt. Allzu oft verhindern korrupte Regierungen den freien Zugang zu Märkten oder die Bildung von Kapital.

Somit gilt: Die wahre Ursache der Armut ist die eingeschränkte Freiheit, ihr zu entkommen. Andere Gründe dafür anzuführen, hieße, den betroffenen Völkern im Vergleich mit westlichen Gesellschaften eine geringere Intelligenz, geringere Motivation oder mangelnden Fleiß zu unterstellen.

Malte T. Kähler