Nach sechs Jahren beschließt die Hansestadt Hamburg das Aus für die Harley-Days, Hamburgs berühmt-berüchtigtes Bikertreffen: Der Hamburger Senat will keinen Imageverlust als „Umweltwelthauptstadt“ erleiden und hat deshalb keine Genehmigung für eine der größten Hamburger Attraktionen erteilt. Offizielle Begründung ist die Überschreitung von Lärm- und Abgaswerten, eine Reihe von Beschwerden aus der Bevölkerung sowie die Angst vor politischen Diskussionen im Zusammenhang mit Hamburgs Auszeichnung als Europäische Umwelthauptstadt 2011. Die Veranstalter überlegen jetzt, ob sie das Treffen vor die Tore der Stadt nach Norderstedt verlegen. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass sich aus ökologischer Perspektive für die Stadt nicht viel ändern dürfte – schließlich kämen die meisten Biker nicht nur wegen des Treffens, sondern auch wegen der Stadt Hamburg und der obligatorischen Stippvisite auf der Reeperbahn.

Ist das Ganze also eine rein symbolische Entscheidung einer überspannten Umweltpolitik oder tatsächlich eine sinnvolle Entscheidung der Hamburger Stadtverwaltung?

Aus der Perspektive der Bürger und der Wirtschaft der Stadt ist die Frage nicht so einfach zu beantworten.

Zweifelsohne ist die Veranstaltung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, spült sie doch dem Hamburger Gastgewerbe so manchen Euro in die Kassen. Das wird sich auch durch eine Verlegung vor die Stadttore kaum ändern, wo doch abzusehen ist, dass die Biker nach wie vor zentral gelegene Hotels nutzen werden. Egal wo die Veranstaltung stattfindet, dort wo die Biker einfallen, werden sie konsumieren. Ob sie es nun in Hamburg oder in jeder beliebigen anderen Stadt tun, es wird immer jemanden geben, der sich über die Extraumsätze freut.

Aus der Perspektive der Bürger ist die Veranstaltung weniger eindeutig zu werten. Zweifellos hatten viele von ihnen in den vergangenen Jahren eine Menge Spaß, nicht umsonst ist von einer halben Millionen Besucher pro Jahr die Rede. Andere wiederum leidemn ohne Kompensation unter der Lärm- und Abgasbelästigung. Der wirtschaftliche Gewinn dürfte vergleichsweise ungleich verteilt sein, schließlich wird durch die Harley-Days in der Stadt nicht mehr produziert, sondern nur mehr konsumiert, was, wenn auch nur marginale, Preissteigerungen und knappe Kapazitäten in Hotels und Gaststätten nach sich ziehen dürfte. Für Bürger, die kein Interesse an dicken Motorrädern und deren oftmals nicht weniger auffälligen Fahrern haben, ist die Veranstaltung eher ein Ärgernis als eine Attraktion. Die Entscheidung für die Verteilung von Kosten und Nutzen einer solchen Veranstaltung trägt unter den gegenwärtigen Bedingungen die lediglich indirekt Verantwortung übernehmende Stadtverwaltung, was sicherlich kein adäquater Ersatz für eine unter Liberalen bevorzugte private Verhandlungslösung ist.

Hier liegt jedoch letztlich der eigentliche Knackpunkt. Mangels eines Verhandlungsmechanismus, der objektive private Interessen für oder gegen eine Durchführung der Veranstaltung abzuwägen vermag, dominieren eher symbolische Begründungen die Entscheidung. Die Bürger werden wahrscheinlich nicht wirklich entlastet, sollten die Biker trotzdem am Abend die Reeperbahn lautstark und qualmend frequentieren. Dem Klima, dessen „Schutz“ sicherlich auch eines der Motive der Entscheidung war, ist ebenfalls egal, auf welchen Straßen die Biker ihren Sprit in Kohlendioxid umwandeln. Mehr als Symbolik hat das Ganze also nicht gebracht. Man sage jedoch nicht, es hätte keine Alternative gegeben. Denkbar wäre beispielsweise eine Kompensation der Bürger durch den Veranstalter und das profitierende Gastgewerbe. Vielleicht hätte man sich durch Ausgleichszahlungen für gemeinwohlorientierte Maßnahmen die Zustimmung der Bürger und des Senats „erkaufen“ können. Immerhin ist diese Interessengruppe am ehesten in der Lage, die notwendigen Mehrheiten für die Bereitstellung des „öffentlichen Gutes“ Harley-Days zu organisieren. Ebenso könnte der Einzug eines Teilnahmebeitrags bei den Bikern, der für Kompensationszahlungen zur Verfügung steht, konfliktlindernd wirken. Ganz einzusehen ist es nicht, dass der Veranstalter auf seiner Webseite mit „Free Entrance all Bikers Welcome“ wirbt, die Kosten der Beseitigung der Rückstände der Veranstaltung aber der Allgemeinheit überlässt. Kohlendioxidemissionen wären prinzipiell durch den Erwerb von Emissionsrechten kompensierbar. Schließlich legen die strittigen Probleme der Lärm- und Abgasbelästigung im Straßenverkehr die Anwendung von Straßennutzungsgebühren nahe. Ein Preis für die Nutzung von Infrastruktur und eine Abgabe für gesundheitsschädliche Emissionen ist sicher der bessere Weg als das willkürliche Verbot einer Veranstaltung mit unsicherem Ertrag für Bürger und Umwelt. Hier haben Veranstalter und Behörden noch einiges nachzuholen, nicht nur vor den nächsten Harley-Days.

Steffen Hentrich

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