Die Invasion privater Lebensverhältnisse durch den Staat und seine Akteure nimmt kein Ende. Bereits zu preußischer Zeit ist die Kindererziehung in die Schule verlegt worden. Die Attraktivität eines zentralisierten Schulsystems ergab sich für die Obrigkeit aus seiner Fähigkeit, gehorsame Soldaten, willige Land- und Fabrikarbeiter und taugliche Beamte heranzuziehen. Daneben war seine Bedeutung für die Herausbildung einer uniformen nationalen Identität von großem Interesse. In modernen Zeiten geht es nicht mehr um die Beschulung der Kinder allein, sondern die der gesamten Bevölkerung. Zunächst wurde die Periode der Kindheit verlängert. Die Kindheit geht nicht mehr unmittelbar ins Erwachsenendasein über, denn dazwischen befindet sich nunmehr die Phase der Adoleszenz, die mitunter bis zum Tode andauert. Die Ansprüche ans „Erwachsensein“ werden dagegen stetig gesenkt. Erwachsene müssen nicht mehr selbst für sich sorgen können. Viele Aufgaben, die in den Haushalten früher selbst gemeistert wurden, sind vom Staat usurpiert worden. Eine wesentliche Bedeutung des Erwachsenseins lag einmal in der Befähigung, eine Ehe führen zu können.

Gesunde Beziehungen zwischen Mann und Frau setzen einsichtsfähige erwachsene Individuen voraus. Beide Partner müssen ihr Leben im Griff haben. Umso mehr gilt dies für dauerhafte Beziehungen. Sie sind ohnehin nur möglich, wenn die Beteiligten keine Kinder mehr sind. Einen Hinweis auf die abnehmende Befähigung zum Führen einer dauerhaften Beziehung gibt die gestiegene Scheidungsquote. Sicher gibt es auch andere Gründe für ihren Anstieg, dennoch kann die Scheidungsquote auch als ein Signal für eine zunehmende Beziehungsuntauglichkeit gelesen werden. Beziehungstauglichkeit ist ein Merkmal des Erwachsenendaseins – und sie ist vielen abhanden gekommen.

Frankreich nimmt sich der Beziehungsuntauglichkeit seiner Bürger nun auf eine besondere Art und Weise an. Es plant ein Gesetz, wonach die Anwendung mündlicher und psychischer Gewalt in Ehe und häuslichen Lebensgemeinschaften demnächst staatlich bekämpft werden soll. Unter den Begriff psychischer Gewalt sollen auch Beleidigungen fallen, etwa abwertende Kommentare über das Erscheinungsbild des Partners, und natürlich die Androhung von Gewalt.

Das Gesetz zielt auf die Heranwachsenden, die volljährigen Kinder, die sich ein gemeinsames Spielzimmer abseits des Elternhauses geschaffen haben. Gegenseitige Beschimpfungen sollten nur im Sandkasten zu finden sein, nicht aber unter Beziehungspartnern. Wer seinen Partner heiratet, um ihn fortwährend zu beschimpfen und psychisch zu drangsalieren, kann nicht zu den Erwachsenen gezählt werden. Das französische Gesetz reguliert im eigentlichen Sinne die Beziehungen von volljährigen Kindern untereinander. Die Gesellschaft der modernen westlichen Demokratien ist vom Staat infantilisiert worden. Die Heranwachsenden benötigen Kindergärtner, die den Streit um Spielzeug schlichten können, mögen diese Kindergärtner auch in Uniform, mit Schlagstock und Schirmmütze auftreten. Insofern ist der französische Gesetzentwurf konsequent. Der Staat identifiziert ein Problem und versucht regulierend tätig zu werden. Schließlich kommt auch kein Kindergarten ohne Kindergärtner aus.

Liberal und richtig wäre es aber gewesen, die Beziehungsuntauglichkeit volljähriger Menschen als ein Symptom der Infantilisierung zu begreifen und ihre Ursachen anzugehen. Der Bevormundungsstaat selbst gebiert die Menschen, denen er zu helfen beabsichtigt. Wenn Menschen keine Gelegenheit gegeben wird, durch das Treffen eigener Entscheidungen erwachsen zu werden, so muss man sich über eine Gesellschaft bestehend aus ewig Heranwachsenden nicht wundern.

Dirk Friedrich

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