Über Mill, Einstein, Popper und den freien Diskurs

John Stuart Mill schrieb in seiner Abhandlung „Über die Freiheit“: „Wenn man sich weigert, eine Meinung anzuhören, weil man sie von vornherein für falsch hält, so bedeutet dies, dass man sich anmaßt, die eigene Gewissheit für eine absolute Tatsache zu halten. Jedes Unterbinden einer Erörterung ist eine Anmaßung von Unfehlbarkeit.“

Dieser Satz ist für die aktuelle Klimadebatte von herausragender Bedeutung. Das Problematische ist nicht eine hart geführte wissenschaftliche Debatte, die auch nicht mit Polemik spart, das Problematische ist die Tendenz, eine Auseinandersetzung um wissenschaftliche Hypothesen zu unterdrücken, weil ein Teil der Wissenschaftler und die ihre Thesen in die Gesellschaft transportierenden Aktivisten für sich faktisch wissenschaftliche Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen. Wer für sich selbst und seine Annahmen in Anspruch nimmt, sich keiner Kritik mehr stellen zu müssen, der fordert eine Stellung, die selbst die Kirchen für sich schon lange nicht mehr reklamieren.

Soweit schon einfache Meinungsäußerungen zum Klimawandel wie auf der Klimakonferenz in Berlin den Protest von Greenpeace hervorrufen, wird deutlich, dass die Umweltaktivisten allein schon die kritische Erörterung ihrer Thesen als unlegitim erachten. Das heißt, dass sie davon ausgehen, dass die bisherigen Erkenntnisse für alle Ewigkeit ausreichen, um sie als unwiderlegbar anzusehen. Das würde wiederum bedeuten, dass das Modell vom menschgemachten Klimawandel die Form eines religiösen Dogmas annimmt, das unter keinen wie auch immer gearteten Umständen falsifiziert werden kann, weil schon der Versuch der Falsifizierung als Blasphemie verdammt wird. Die Möglichkeit der Widerlegung einer Theorie ist aber das entscheidende Kriterium für ihre Wissenschaftlichkeit.

Aus Albert Einsteins Feststellung, dass er seine eigene Theorie als unhaltbar aufgeben würde, wenn sie den Überprüfungen nicht standhielte, entwickelte Karl Popper den kritischen Rationalismus. Danach trägt jede wissenschaftliche Aussage den Charakter einer Hypothese. Eine Hypothese kann niemals absolute Wahrheit für sich beanspruchen und ist niemals endgültig verifizierbar. Sie ist lediglich falsifizierbar. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Ideologie besteht nach Karl Popper darin, dass Wissenschaft die Möglichkeit der Falsifizierbarkeit ihrer Hypothesen durch empirische Erkenntnisse einräumt. Umso größer die Zahl gescheiterten Falsifizierungsversuche ist, desto tragfähiger erscheint uns die Theorie. Insoweit ist jeder Versuch der Widerlegung einer Theorie ein wissenschaftlicher Mehrwert – egal mit welchem Motiv er unternommen wird. Insoweit könnten die Klimaforscher über die Versuche der Widerlegung der gängigen Hypothesen durch die Skeptiker erfreut sein, weil sie entweder die Möglichkeit eröffnen, die derzeit dominante Theorie zu bestätigen und damit auf eine solidere Grundlage zu stellen oder eine falsche Hypothese durch eine richtige zu ersetzen. Eine Aussage, die sich gegen jede Form von Falsifizierbarkeit immunisiert, ist keine Wissenschaft mehr, sondern Religion oder Ideologie.

Gérard Bökenkamp