Libertäre vertreten – grob zusammengefasst – im Grunde nur drei Forderungen: Rückzug des Staates aus allen Lebensbereichen bis auf das rechtlich Notwendige (einige gehen sogar darüber hinaus), Zu– oder besser: Gewährenlassen eines vollständigen und weltweiten Freihandels (Laissez-faire-Kapitalismus) und radikalen Weltfrieden durch gesicherten Verzicht auf Initiativgewalt.

Äußern Libertäre ihre Positionen gegenüber Menschen, bei denen sie Chance auf Gehör finden – erfahrungsgemäß sind dies ohnehin nur liberal „Vorbelastete“, so taucht schnell eine Frage auf: „Ja wenn du XY abschaffst, was würde dann werden?“, oder: „Wie stellst du dir eine ‚libertäre Gesellschaft’ vor? Wie soll dies und jenes funktionieren?“

Da beeilen sich Freiheitsfreunde schnell um Rechtfertigung des Unerhörten, etwa, die Menschen würden sich so oder so selbst organisieren, man würde diese oder jene Übereinkunft finden, oder – dies die einfachste Antwort: Der Markt stelle diesen oder jenen Ersatz bereit. Sie ringen um Bestimmtheit.

Ich brauche hier nicht zu betonen, dass solche Antworten die Fragenden zumeist unbefriedigt zurücklassen. Warum? Es gibt keine Bestimmtheit.

Die bessere Antwort lautet – und sie wäre zumal aus libertärer Sicht die einzig zulässige: „Egal, was dann ist. Ich werde sehen, du wirst sehen.“ Diese Antwort wäre nicht nur richtig und konsequent, d.h. nur sie entspräche am ehesten dem Freiheitsgedanken, dem Gedanken, dass es grundsätzlich nicht erlaubt ist, sich in das Leben oder die Zwecksetzungen anderer einzumischen. Die Wir-werden-sehen-Antwort ist die einzig mögliche. Sicher, sie verlangt einiges an Gewöhnung.

Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Das verbietet schon die Logik. Schon der Versuch scheitert an sich selbst. Gewiss: Man kann Erfahrungen extrapolieren. Doch die Extrapolation von Vergangenem auf Künftiges steht unter dem (Popperschen) Vorbehalt der Fallibilität. Grund: Alle Empirie ist Zufall – eine alte Erkenntnis, die keinem Geringeren als schon David Hume nicht nur Anhänger brachte. Wissenschaftliche Voraussagen sind hypothetischer Natur.

Doch die Vorhersage der Zukunft, zumindest die Annahme möglichen Eintritts von Ereignissen oder Ergebnissen – schon in der Wissenschaft schwierig genug – sie taugen ganz und gar nicht für macht- und interessengeleitete Zwecke unter Herrschaftsbedingungen. Gerade hier entfalten Prognosen, oft sogar dann, wenn noch gar nicht nach ihnen gehandelt wird, oftmals sogar schädliche Wirkungen, oft Wirkungen, die das Gegenteil des ursprünglich Geplanten erzeugen. Siehe etwa die dauerhafte, ja schon institutionalisierte Massenarbeitslosigkeit in Sozialindustriestaaten.

Für Kant war klar, dass das, was in der Theorie richtig sei, auch für die Praxis tauge. Keineswegs meinte er dies politisch. Beinahe selbstverständlich ist die sich aus Lebenserfahrung, mithin aus Vergangenem speisende Klugheit. Sie ist lehr- und hilfreich und nützlich für den Einzelnen mit seiner je individuellen Erwägung hinsichtlich der im Wortsinne eigenen Lebensgestaltung auch für Künftiges. Planerfolg ist auch hier nicht garantiert.

Nicht ableiten lässt sich aus dem Kantischen Satz eine Norm, wonach das theoretisch als richtig oder gültig Erkannte von praktischer Allgemeinheit sei.

Libertäre ahnen es ohnehin: Das komplexe Gesellschaftsgefüge von Millionen von Menschen, die in raumzeitlicher Gemeinschaft leben, lässt sich nicht planen, nicht vorbestimmen. Napoleon, Hitler, Stalin, Honecker und andere nette Herren dachten da anders – aber sie handelten auch kaum oder gar nicht mit Recht, noch weniger zu recht.

So bleibt nur die fröhlich-ungezwungene Freiheitsantwort des „Egal – wir werden sehen!“ Wir haben kein Recht, die Zukunft anderer zu planen und zu verordnen – allein, es fehlt die Möglichkeit. Und weil das so ist, bleibt alles Spekulation. Belassen wir es bei Empfehlungen, wenn wir gefragt werden.

Spekulation öffnet Tür und Tor für alle möglichen Unfreiheiten und Zwänge, die der menschliche Geist nur auszuhecken vermag. Also: Lassen wir das Antworten. Sie führen in die Irre, geschweige denn, dass sie verstanden werden. Fragen wir lieber selbst: „Findest du nicht grotesk, was die großen Polit-Planer und –vorhersager so treiben, mit deinem Geld, mit deinem Leben, mit deiner Zeit?“ Die Rückantwort wird nicht „och – egal – ich werde sehen…“ sein, wenn er bei Verstand ist.

Otto Gerstner

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