Es ist eine Illusion zu glauben, daß Staatsausgaben Arbeitsplätze für Unbeschäftigte – also für jene, die wegen der Politik der Gewerkschaften oder der Regierung keine Arbeitsplätze erhalten können – schaffen können. Wenn die Staatsausgaben auf nicht-inflationäre Weise finanziert werden, also entweder durch Besteuerung der Bürger oder durch Anleihen beim Publikum, vernichten sie auf der einen Seite so viele Arbeitsplätze wie sie auf der anderen Seite schaffen. Wenn sie durch Inflation finanziert werden, also entweder durch eine Ausweitung des Umlaufs an Geld und Banknoten oder durch Anleihen bei Geschäftsbanken, verringern sie die Arbeitslosigkeit nur dann, wenn die Geldlöhne hinter den Warenpreisen zurückbleiben, also wenn und insoweit die realen Lohnsätze sinken. Es gibt nur einen Weg zu einer Erhöhung der realen Lohnsätze für alle, die Löhne verdienen wollen: die fortschreitende Anhäufung neuen Kapitals und die Verbesserung technischer Produktionsweisen, die das neue Kapital hervorruft. Die wahren Interessen der Arbeitnehmer stimmen mit denen der Arbeitgeber überein.

Arbeitslosigkeit als Massenerscheinung ist die Folge einer angeblichen „arbeiterfreundlichen“ Politik des Staates und von gewerkschaftlichem Druck und gewerkschaftlicher Gewalt.

Diese Erklärung wird keineswegs nur von jenen Nationalökonomen vertreten, die von den „Fortschrittlichen“ als „Reaktionäre“ bezeichnet werden. Karl Marx selber war voll und ganz davon überzeugt, daß es Gewerkschaften nicht gelingen kann, die Lohnsätze für alle Arbeiter anzuheben. Die marxistischen Doktrinäre stellten sich über lange Jahre allen Bestrebungen entgegen, Mindestlohnsätze einzuführen. Sie erachteten solche Maßnahmen als den Interessen der großen Mehrheit der Lohnempfänger entgegenstehend.

Ludwig von Mises

Dieser Beitrag ist ein in der Reihenfolge der Abschnitte veränderter Auszug aus „Die Bürokratie“, erstmals erschienen 1944 in englischer Sprache.
Die deutsche Übersetzung ist erhältlich beim Academia-Verlag und digital bei mises.de