Letzte Woche war ich eingeladen, an einer Podiumsdiskussion im österreichischen Alpbach teilzunehmen. Das „Europäische Forum Alpbach“ ist eine seit Jahrzehnten etablierte, ursprünglich von Karl Popper mitgegründete gesellschaftspolitische Diskussionsplattform. Unser englischsprachiges Panel wurde moderiert von Barbara Kolm, der Chefin des österreichischen Hayek-Instituts. Der Plan war, dass jeder Podiumsteilnehmer ein kurzes Referat zu seinem Thema halten sollte; nach einer zweiten, podiumsinternen Runde sollte die Diskussion mit den Gästen offen weitergeführt werden. Der Zeitrahmen von dreieinhalb Stunden schien auskömmlich bemessen und die generelle Frage an alle lautete sinngemäß: Kann die Rückbesinnung auf Ethik bzw. auf ethische Normen Europa helfen, seinen (verlorenen) Spitzenplatz in der Welt(wirtschaft) wieder einzunehmen?

Der eigentliche Inhalt unserer Diskussion – über den an anderer Stelle noch zu berichten sein wird – war zwar durchaus fruchtbringend. Gleichwohl fielen einige Rahmenbedingungen dieser Veranstaltung auf. Barbara Kolm und die übrigen Veranstalter hatten versucht, dezidiert kollektivistisch orientierte Diskutanten für den Nachmittag zu gewinnen. Dies gelang nicht. Insbesondere Sarah Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform der SED-Nachfolgepartei „Die Linke“ sagte ihre Teilnahme ab. Dies wiederum hatte – wie Barbara Kolm weiter referierte – vorterminlich zu Mailverkehr des Inhaltes geführt, mit Liberalen lasse sich über Ethik doch gar nicht diskutieren.

Die Vermutung, kollektivistische Philosophieansätze könnten in der Debatte unterprivilegiert repräsentiert sein, bewahrheitete sich indes nicht. Denn die Kollektivisten waren durchaus anwesend – im Publikum. Trotz des malerischen Ambientes in jenem wahrhaft sehenswerten Bergort herrschte augenscheinlich eine gewisse emotionale Anspannung unter den Zuhörern. Noch während ich am Anwendungsbeispiel des deutschen gesetzlichen Krankenversicherungssystems zu meinem Thema sprach („Warum staatliche Wohlfahrtssysteme ethisches Verhalten unmöglich machen“), brach es aus dem Volkswirtschaftsstudenten in der letzten Reihe heraus: „Wie soll es denn anders gemacht werden?“ Meinen Einwand, dass auch unter kollektivistischen Grundannahmen dem einvernehmlich gesetzten Handlungsrahmen („Erst zuhören, dann fragen“) allseits gefolgt werden müsse/solle, ließ der Kritiker vorläufig gelten. Die Antwort durfte zurückgestellt werden (sie kam dann noch, natürlich, aber erst dann und dort, wo es hingehörte).

Die Anspannung anderer Zuhörer jedoch war mit diesem Vorpreschen gegen die Tagesordnung nicht abgearbeitet. Weitere Zuhörer platzten meinungsfreudig in die Darstellungen hinein. Ein Herr mit Schlägermütze, der verspätet noch hinter der hintersten Reihe Platz genommen hatte, ergriff endlich lautstark das Wort und erklärte, in Ansehung des unmittelbar bevorstehenden Klimakollapses müssten Grundrechte wie das der freien Rede rigoros beschränkt werden. Wohl in Verbalisierung seines eigenen aufgepeitschten Ringens nach Sauerstoff beschied er das staunende Publikum, dass dort, wo zuletzt keine Luft mehr sei, auch überhaupt nicht mehr werde gesprochen werden können. Dieser bemerkenswerte Beitrag wurde nur noch übertroffen von einem anderen, jüngeren Teilnehmer, der seinen fundamentalistischen Staatsglauben bar jeden Zweifels tosend hervorstieß: Auf meine Frage, welchem Politiker oder welchem Beamten in Fleisch und Blut er denn als „dem“ Staat sein Leben lieber als sich selbst anvertrauen wolle, gab er bekannt, dies sei ohne alle Abstriche Barak Obama. Meine weitere Frage, ob Herr Obama der Mann seiner existentiellen Wahl auch dann bleiben werde, wenn dieser dereinst nicht mehr Präsident der USA sein werde, oder ob sein blinder Glaube dann dem jeweils vom amerikanischen Volk (mit Wahlmaschinen?) neu gewählten König auf Zeit gelten werde, veranlasste den Barakomanen, den Saal zu verlassen, nicht ohne allen Teilnehmern türknallend Faschismus zu attestieren – der Mann mit der Schlägermütze hatte sich schon absentiert.

Erstaunlicherweise gelang der verbleibenden Menge nach Abreise aller (zumindest aller offen bekennenden) Kollektivisten, anschließend eine nun sehr gedeihliche Debatte zum Thema des Tages zu führen. Besonnene Menschen stellten interessierte Fragen; Beiträge des unsystematischen Typus und Erklärungen unlogischer Genese vereinzelten sich. Plötzlich waren die Kernfragen von Ethik Gegenstand der ungestörten Diskussion. Das Niveau der Gespräche glich sich der Umgebung an: der Intellekt erklomm die Berge und die Gedanken wurden schön wie die Berghänge im nachmittäglichen Sonnenschein. Respekt vor dem anderen – vor jedem einzelnen anderen – und Rücksichtnahme auf gemeinschaftlich freiwillig anerkannte Spielregeln des Zusammenseins ermöglichte nun vielfache Erkenntnisgewinne und Informationsaustausch.

Das ist der Weg für Europa (zurück) an die Spitze des weltweit schönen und nachhaltigen Umgangs der Menschen miteinander: Die Goldene Regel. Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge keinem anderen zu. Und nicht: Was Du Dir wünschst, das man Dir gibt, das gestehe keinem anderen zu. Es ist wie immer: Denken hilft.

Carlos A. Gebauer

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