Passend zur Finanzkrise wird uns der neue Armutsbericht vorgestellt: Deutschland ist auf dem absteigenden Ast. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer geworden, schlimm sei vor allem daran, dass immer mehr Menschen auch tatsächlich arm geworden sind. Arm sei, wer weniger als 50% des durchschnittlichen Arbeitslohns erhält. Dieses Ergebnis wird dem Neoliberalismus zugeschrieben, beginnend mit Margaret Thatcher 1979 in Großbrittanien und Ronald Reagan 1980 in den USA. Verglichen mit den Menschen in aller Welt ist in Deutschland aber niemand arm.

Trotzdem ist diese Entwicklung nicht hinnehmbar. Der Liberalismus ist die einzige politische Philosophie, die das Wohl des Ganzen, nicht das von Sondergruppen im Auge hat, er dient keiner bestimmten Schicht. Vom Sozialismus, von dem auch seine Anhänger behaupten, das Wohl aller anzustreben, unterscheidet sich der Liberalismus nicht durch das Ziel, sondern durch den Weg.

Bei allen Problemen, sozialen Misständen, gefühlten Ungerechtigkeiten und was sonst noch alles gegen die derzeitige Situation vorgebracht werden kann; ein großes Problem in Deutschland ist die Massenarbeitslosigkeit.

Die Ursache der Massenarbeitslosigkeit liegt in den zu hohen Löhnen und im Sozialstaat. Sie kann nur beseitigt werden, indem man die Ursachen beseitigt!

Wenn ein Arbeitgeber einen Arbeitnehmer einstellt, so kann er ihm nur den Lohn zahlen, der durch seine Arbeit an Werten erwirtschaftet wird. Damit ist der Lohn vor allem von der Produktivität des jeweiligen Arbeitnehmers abhängig. Sinkt die Produktivität, muss folglich der Lohn nach unten angepasst werden, steigt die Produktivität, muss der Lohn aber auch steigen, sonst überbieten sich die Arbeitgeber gegenseitig wegen Arbeitskräftemangel. Der Lohn schafft somit immer ein ausgeglichenes Verhältnis und ist marktgerecht. Wenn nun Tarifverträge und Streiks (durch die Gewerkschaften herbeigeführt) einen höheren Lohn erzwingen, wird der Arbeitnehmer unproduktiv und verursacht Verluste.

Der zweite Grund für die zu hohen Löhne liegt im Kündigungsschutz, der dazu beiträgt, dass die Gewerkschaften zu hohe Löhne durchsetzen können. Dies ist der Grund dafür, dass sich der Niedriglohnsektor aus Zeitarbeit, Leiharbeit, Scheinarbeitslosigkeit, 400-EUR-Jobs u.a. bilden konnte. Auf einem sich selbst regulierenden freien Arbeitsmarkt, der unter Konkurrenzbedingungen steht, bedarf es keines besonderen Kündigungsschutzes, um Arbeitsplatzsicherheit herzustellen; in einem solchen Markt herrscht Vollbeschäftigung.

Der liberale Markt kennt ausschließlich Vollbeschäftigung, sollte sich Arbeitslosigkeit bilden, sinkt der Lohn unter die Produktivität, solange es Arbeitslose gibt, die zu einem niedrigeren Lohn arbeiten würden. Gleichzeitig wird aber wieder mehr produziert, die Wirtschaft wächst wieder und der Lohn steigt erneut an. In einem liberalen Markt herrscht Vollbeschäftigung, dass bedeutet auch die größtmögliche soziale Sicherheit und die bestmöglichen Arbeitsbedingungen für den Arbeitnehmer. Immer dann, wenn Vollbeschäftigung herrscht, ist der Arbeitnehmer in einer starken Position, und nicht, wenn er auf Gesetze zurückgreifen kann, die einseitig vordergründig zu seinen Gunsten geschaffen wurden. Der Liberalismus steht in diesem Zusammenhang auf Seiten den Arbeitnehmers, der umworben und hinreichend bezahlt werden soll. Ist der Arbeitnehmer mit seinen Arbeitsbedingungen unzufrieden, so verliert der Arbeitgeber den Arbeitnehmer, welcher zu einem anderen Arbeitgeber wechseln würde.

Unter diesen Rahmenbedingungen wäre es auch möglich, wieder von seinem Lohn gut leben zu können. Dennoch wird es immer eine unterschiedliche Lohn- und Vermögensverteilung geben, allerdings auf einem höheren Niveau des allgemeinen Wohlstandes.

Ludwig von Mises hat dies in seinem Werk „Liberalismus“ von 1927 vollendet dargestellt (man beachte die Weiterentwicklung zu heute, 80 Jahre später):

„Das, was an unserer Gesellschaftsordnung am meisten der Kritik ausgesetzt ist, ist die Tatsache der Ungleichheit der Verteilung des Einkommens und des Vermögens. Es gibt Reiche und Arme, es gibt sehr Reiche und sehr Arme. Und es liegt nahe, hier an einen Ausweg zu denken: an die gleichmäßige Verteilung der Güter.

Gegen diesen Vorschlag ist zunächst die Einwendung zu machen, dass dadurch nicht viel geholfen wäre, weil die Zahl der Minderbemittelten im Vergleich zu der der Reichen ungeheuer groß sei, so dass jeder einzelne von einer solchen Verteilung nur einen recht unbedeutenden Zuwachs an Wohlfahrt zu erwarten habe. Das ist wohl richtig; das Argument ist aber nicht vollständig. Die Befürworter der Gleichheit der Einkommensverteilung übersehen nämlich den wichtigsten Punkt: dass nämlich die Summe dessen, was verteilt werden kann, das jährliche Produkt der gesellschaftlichen Arbeit, nicht unabhängig ist von der Art und Weise, in der verteilt wird. Dass das Produkt heute so groß ist, ist nicht eine natürliche oder technische, von allen sozialen Tatsachen unabhängige Erscheinung, sondern durchaus die Folge unserer gesellschaftlichen Einrichtungen. Nur weil unsere Gesellschaftsordnung die Ungleichheit des Eigentums kennt, nur weil sie jeden anspornt, soviel als möglich und mit dem geringsten Aufwand an Kosten zu erzeugen, verfügt die Menschheit heute über die Summe von jährlichem Reichtum, den sie nun verzehren kann. Würde man diesen Antrieb beseitigen, so würde man die Ergiebigkeit der Produktion so sehr herabdrücken, dass die Kopfquote des Einkommens bei gleichmäßiger Verteilung tief unter das fallen würde, was selbst der Ärmste heute erhält.

Die Ungleichheit der Einkommensverteilung hat aber noch eine zweite Funktion, die ebenso wichtig ist wie die erwähnte. Sie ermöglicht nämlich den Luxus der Reichen.

Über den Luxus ist sehr viel Törichtes gesagt und geschrieben worden. Gegen den Luxusverbrauch ist eingewendet worden, dass es ungerecht sei, dass die einen Überfluss genießen sollen, wenn die anderen dabei darben. Dieses Argument scheint etwas für sich zu haben. Doch es scheint nur so. Denn wenn es sich herausstellen sollte, dass dem Luxus eine Funktion im Dienste des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen zukommt, dann wird es ganz hinfällig. Das aber wollen wir zu zeigen suchen.

Unsere Beweisführung zugunsten des Luxus ist freilich nicht die, die man mitunter zu hören bekommt, dass er nämlich Geld unter die Leute bringt. Würden die Reichen keinen Luxus treiben, sagt man, so hätten die Armen kein Einkommen. Das ist geradezu dumm. Denn gebe es keinen Luxus, dann würden eben Kapital und Arbeit, die sonst zur Erzeugung von Luxusgütern Verwendung finden, andere Güter erzeugen, Massenverbrauchsartikel, notwendige Artikel anstatt der „überflüssigen“.

Um sich von der gesellschaftlichen Bedeutung des Luxus eine richtige Vorstellung zu machen, muss man zunächst erkennen, dass der Begriff des Luxus ein durchaus relativer ist. Luxus ist eine Lebensweise, die sich von der der großen Masse abhebt. Die Vorstellung von dem, was Luxus ist, ist daher durchaus an die Zeit gebunden. Vieles von dem, was uns heute als notwendig erscheint, erschien einst als Luxus. Als im Mittelalter eine vornehme Byzantinerin, die einen venetianischen Dogen geheiratet hatte, sich beim Speisen anstatt der Finger eines goldenen Instrumentes bediente, das man als Vorläufer unserer Gabel bezeichnen kann, da hielten die Venetianer dies für einen gottlosen Luxus, dass sie es nur gerecht fanden, als die Dame von einer fürchterlichen Krankheit befallen wurde; das müsse, meinten sie, die gerechte Strafe Gottes für solche naturwidrige Ausschweifung sein. Vor zwei oder drei Menschenaltern galt selbst in England ein Badezimmer im Hause als Luxus; heute hat es in England wohl jedes Haus eines besseren Arbeiters. Vor 35 Jahren gab es noch keinen Kraftwagen; vor 20 Jahren war der Besitz eines solchen Wagens ein Zeichen besonders luxuriöser Lebensführung; heute hat in den Vereinigten Staaten auch der Arbeiter seinen Fordwagen. So ist nämlich der Gang der Wirtschaftsgeschichte: der Luxus von heute ist das Bedürfnis von morgen. Aller Fortschritt tritt zuerst als Luxus der wenigen Reichen ins Leben, um dann nach einiger Zeit das selbstverständliche notwendige Bedürfnis aller zu werden. Der Luxus gibt dem Konsum und der Industrie die Anregungen, Neues zu erfinden und einzuführen. Er ist eine der dynamischen Einrichtungen unseres Wirtschaftslebens. Nur ihm verdanken wir den Fortschritt und die Neuerungen, die schrittweise Hebung des Lebensstandes aller Kreise der Bevölkerung.

Der reiche Müßiggänger, der sein Leben ohne Arbeit nur genießend verbringt, ist wohl den meisten von uns keine sympathische Erscheinung. Doch auch er erfüllt eine Funktion im Leben des gesellschaftlichen Organismus. Sein Luxus wirkt beispielgebend; er weckt bei der Menge neue Bedürfnisse und gibt der Industrie die Anregung, diese Bedürfnisse der Menge zu befriedigen. Es gab eine Zeit, da konnten nur reiche Leute sich den Luxus leisten, fremde Länder zu besuchen. Schiller hat die Schweizer Berge, die er im Tell besungen hat, nie gesehen, trotzdem sie seiner schwäbischen Heimat benachbart sind. Goethe hat weder Paris, noch Wien, noch London je besucht. Heute aber reisen Hunderttausende, und bald werden Millionen reisen.“

Werner Weidenbach

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