Mit der neuen EU-Spielzeug-Richtlinie haben auch die bunten Luftballons ihre Unschuld verloren. In einer Erläuterung zu dem ab dem 20. Juli 2011 in Deutschland geltenden Regelwerk wird aufgeführt, dass „an Latex-Luftballons ein Warnhinweis angebracht werden muss, der auf die Pflicht einer Benutzung nur unter Aufsicht für Kinder unter acht Jahre und eine Entsorgung von beschädigten Ballons hinweist.”[i] Vorbei die unbeschwerten Kindergeburtstage, an denen Kinder im Garten mit Luftballons herumtollten, während Mutti in der Küche den Kuchen backte. Adieu, elterliche Ruhepause, während das Kleinkind unbeschwert im eigenen Zimmer spielte. Ab sofort gehören unsere Kinder unter lückenlose Überwachung. Alternativ dazu verbringen sie eine Kindheit im spielzeuglosen Reinraum. Ginge es nach den Sicherheitsphantasien von EU-Bürokraten, wäre die Kindheit in der Gummizelle der Idealzustand, vorausgesetzt die Auspolsterung der Wände ist mit Materialien gefertigt, die keine krebserregenden oder endokrin wirkenden Stoffe enthalten.

Sicherlich können Unfälle auch mit Luftballons geschehen, sie können auch tragisch ausgehen. Die Tatsache, dass kaum jemand Kenntnis von einem derartigen Vorfall hat, bedeutet nicht zwangsläufig, dass derartige Fälle ausgeschlossen sind. Wer sich ein halbwegs objektives Bild über die Sinnhaftigkeit derartiger Warnhinweise machen möchte, muss also schon die amtliche Statistik bemühen. Hierbei kommt einem die Unfallstatistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. zu Hilfe. Im Jahr 2008 sind von 11,2 Mio. Kindern in Deutschland 47 Kinder erstickt, wobei zunächst keine Angaben über eine nähere Ursache der Erstickungsfälle gemacht wurden. Das ergibt eine Wahrscheinlichkeit von rund 0,000004%, dass ein Kind beispielsweise durch das Verschlucken eines  Fremdkörpers erstickt. Nach Altersgruppen ausdifferenzierte Daten zeigen jedoch, dass in der für die Handhabung von Luftballons relevanten Altersgruppe von 1-15 Jahren nur 26 Erstickungsfälle auftraten. Bezogen auf die Anzahl der Kinder in dieser Altersgruppe ergibt sich damit eine Erstickungswahrscheinlichkeit von knapp 0,0000025 %. Doch ist aus statistischen Erhebungen bekannt, dass 49 % aller Erstickungsfälle bei Kindern durch Nahrungsmittel, also nur 51 % der Erstickungsfälle durch andere Fremdkörper verursacht werden. Damit reduziert sich die Wahrscheinlichkeit des Erstickens durch Fremdkörper wie Luftballons in der relevanten Altersgruppe auf knapp 0,0000013% – oder anders ausgedrückt – gut einem einzigen Erstickungsfall pro einer Million Kinder. Ob dafür tatsächlich Luftballons verantwortlich gemacht werden können, lässt sich aus der Statistik nicht ermitteln. Angesichts der Unmenge an “gefährlichem” Spielzeug, das auf die eine oder andere Art und Weise die Atemwege eines Kindes blockieren kann, ist davon auszugehen, dass sich die statistische Wahrscheinlichkeit für ein Kind, an einem Luftballon zu ersticken, nicht signifikant von null unterscheidet. Kein Wunder, bestätigten doch beispielsweise die Marktüberwachungsbehörden des Bundeslandes Baden-Württemberg in ihrer Jahresbilanz 2010 Geräte- und Produktsicherheit, dass Spielzeuge aus Hart- und Weichkunststoffen sowie Gummi (Luftballons, Puppen, Schleim- und Knetmassen etc.) kein “mechanisches Gefährdungspotenzial” aufwiesen.

Der Maßregel der EU, dass Kinder nur unter Aufsicht mit Luftballons spielen dürfen, steht demnach keine wirklich messbare Gefahr gegenüber. Der Aufwand für eine lückenlose Betreuung kleiner Kinder aus Angst vor diversen irrealen Gefahren dürfte derweil vergleichsweise groß sein. Immerhin ist zu berücksichtigen, dass die Aufsichtspersonen keiner alternativen Beschäftigung nachgehen können. Beispielsweise der Erwerb von Einkommen, mit dem der Erwerb von Produkten finanziert werden kann, mit der sich die Gesundheit der Kinder wirksamer schützen lässt. Oder auch der Verzicht auf die Erholung der Aufsichtspersonen, die im Zweifel mehr Aufmerksamkeit für reale Gefahren der Kinder bringt. Doch der Verzicht auf die Verwendung von Luftballons als Kinderspielzeug provoziert auch die Frage, wie gefährlich das Spielzeug ist, mit dem Kinder stattdessen ihre Zeit verbringen. Würden Sie neugierig auf Möbeln herumturnen oder die Nase in den Reinigungsschrank mit giftigen Haushaltschemikalien stecken? Risiken und Gefahren gehören zum Leben, auch dem unserer Kinder. Auch dem rigidesten Nanny-Staat wird es nicht gelingen, diese zu beseitigen. Sicher ist nur eines: Kontrolle verursacht Kosten, überbordende Kontrolle verursacht überbordende Kosten. Wirklich sicherer wird die Welt dadurch nicht. Aber sie wird ärmer an Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten, nicht nur für die Kinder.

Steffen Hentrich


[i] “For latex balloons there must be a warning that children under 8 years must be supervised and broken balloons should be discarded.”, S. 36, Toy Safety Directive 2009/48/EC – An explanatory guidance document

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